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als es anfing

Montag, 27.04.2020

Glutrot strahlt mich das Auge durch die Zweige der Fichte an, die schon seit unserem Hausbau in dieser Ecke des Gartens steht. In den letzten Jahren hat sich meine Mom sehr an ihr gestört, weil sie den meisten Platz ihres Gemüsebeets einnimmt, doch ich genieße es hier auf dem Schuppendach in ihrem Schatten zu sitzen und in die letzten Sonnenstrahlen getaucht zu werden. Das glutrote Auge zwinkert zwischen den Ästen hindurch, schließt sich langsam, läutet das Ende des Tages ein.
Morgen bin ich wieder ein Jahr älter. Wieder ein Jahr rum.
Morgen werde ich zwanzig. Zwei Jahrzehnte lebe ich nun schon, zwei Jahrzehnte gibt es mich, es klingt so lang und doch viel zu kurz.
Ich freue mich. Endlich zwanzig. Die Zwanziger.
Irgendwie bedeutet das etwas für mich. Vielleicht, weil es die zehn Jahre einläutet, in denen alles so unbeschwert ist. In denen es nur um mich geht. In denen ich nur für mich selbst Verantwortung trage. Zehn Jahre mit einer zwei vorne, zehn Jahre Platz für meine Wünsche, Träume, Pläne und Ideen. Zehn Jahre voller Leben. Leider starten meine Zwanziger etwas anders als erwartet. Leider ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. 2020 wird nicht mein Jahr, es wird Coronas Jahr. Vielleicht werde ich gar nicht mehr so viel von der Welt sehen, meine Träume gar nicht mehr so umsetzen können, weil danach alles anders sein könnte.

Es ist der Abend vor meinem zwanzigsten Geburtstag und ich fühle mich unglaublich allein irgendwie. Allein mit meinen Gedanken. Ich war schon immer ein ungeduldiger Mensch, schon immer konnte ich es nicht leiden, etwas zu verpassen. Ist es jetzt genauso?
Kommt daher oft mein Drang, die Zeit zu nutzen, die ich habe?
Ich möchte nichts verpassen. Nichts verschwenden, habe Angst eine Chance nicht zu ergreifen, Zeit zu verschwenden, etwas zu bereuen. Komisch, früher dachte ich immer ich hätte vor so gut wie nichts Angst. Aber es macht Sinn, ich wollte dieses Jahr so viel erleben, so viel mitnehmen, so viele Erfahrungen machen, so viel ausprobieren und weil das alles nicht geht, bin ich oft deprimiert. Es fühlt sich an wie ein verschwendetes Jahr, gerade mein zwanzigstes. Dabei habe ich jedes Jahr doch nur einmal, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat. Manchmal spüre ich, glaube ich, tief in mir die Angst alt zu werden. Nicht mehr jung zu sein und das nicht ausgenutzt zu haben. Ich will doch noch so viel erleben. So viel machen.
Wieso habe ich dann manchmal das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben? Wieso kriege ich innerlich fast schon ein bisschen Panik, wenn ich darüber nachdenke, dass schon Anfang Mai ist, schon das halbe Jahr fast wieder rum? Wieso macht mich das so traurig, dass sich dieser Sommer verschwendet anfühlt und dann schon wieder Winter ist? Dunkel, kalt und alles tot.
Ich fühle mich allein durch all die Distanz im Moment. Die Distanz selbst zu meinen Freunden, durch das Auslöschen der Momente, die so viel Verbundenheit und Nähe und Liebe schaffen. Überall heißt es Abstand halten. Es greift mein Herz an.
Und in der Natur da fühle ich mich nicht so allein, eher als Teil des Großen Ganzen, als würde alles irgendwann schon Sinn machen. Aber menschliche Nähe, wo ist die? Jetzt wird selbst das Lächeln verborgen hinter den Mund-Schutz-Masken, jetzt muss man mehr die Augen sprechen lassen.

Morgen werde ich zwanzig und ich freu mich, aber irgendwie fühlt sich dieses Jahr manchmal immer noch so unwirklich an, als würde das alles gar nicht passieren. So kalt, trotz der Sonne.

Zum Glück kam die Hitzewelle dann doch noch.
Die Distanz bleibt, aber hoffentlich nicht in unseren Herzen.

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