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atmen und zählen

Leg dein Ohr an deine Seele und hör gut hin.

– Anne Sexton

Ich zerbreche. In tausend kleine Stücke, ich löse mich auf, wie vom Winde verweht, wie weggespült in einer sich brechenden Welle.
Ich schrumpfe zusammen, bis nichts mehr da ist, nur ein Sandkorn, klein und winzig. Ich halte mich selbst, umklammere meine Schultern, als würde es jemand anderes tun. Ich schreie, innerlich. Wieder fühlt sich alles so sinnlos an. Ich schwanke. Wie ein Boot auf den unbarmherzigen Wellen des Meeres schwanke ich. Ich treibe dahin, lasse mich wiegen und umherwirbeln, ich gehe unter, langsam, aber stetig. Sie greifen nach mir, strecken ihre suchenden Hände unter die Wasseroberfläche, tasten nach mir. Fassen nur lose mein Gesicht, meine Haare, meine Schultern, doch finden mich nicht. Sie sind es, die mich über Wasser halten, das spüre ich.
Ich breche, ich löse mich auf und der Kleber, den ich finde, reicht einfach nicht aus. Da ist zu viel, zu viele Enden, zu viele Einzelteile, die ich nicht zusammenkrieg. Ich schwanke, immerzu.
Atmen, sage ich mir. Und ich atme. Ein und aus.
Zählen, sage ich mir. Und ich zähle.
Langsam mit jedem Atemzug taucht eine Zahl in meinem Kopf auf. Von 10 runter, von 0 hoch -egal- irgendwie. Atmen. Zählen. Atmen, Zählen. Das ist mein Trick geworden. Zahlen hatten nie etwas Beruhigendes auf mich – eher etwas Verwirrendes -, aber hier helfen sie mir. Sie sind mein Seil, an dem ich mich langhangle, etwas worauf ich mich fokussieren kann, um alles andere in meinem Kopf zu verdrängen.
Ich werde ruhig, ich atme, ich zähle. Ich atme, ich zähle.
Ich versuche die Gedanken in meinem Kopf mit Musik zu übertönen. Hoffe, dass die Beats die Leere in mir vertreiben. Dass ich wieder beginne, mich selbst mehr zu spüren. Ich ringe um Positivität. Versuche sie festzuhalten, wenn ich sie dann mal erwische. Atme und zähle, um alles in mir zum Schweigen zu bringen, das ja doch zu oft schweigt. Ich suche in Büchern nach Antworten, nach Anhaltspunkten, nach Gefühlen. Ich flüchte in sie, verschwinde aus meiner eigenen Welt, meinem eigenen Kopf, wenn alles zu viel ist. Zu laut, zu hell, zu voll, zu intensiv.

An solchen Tagen frage ich mich, wie sie sich wieder eingeschlichen haben. Wieso ich wieder von Zweifeln erfüllt bin. Wieso ich mir nichts mehr zutraue. Es ist schwerer als man denkt, an sich selbst zu glauben. Ich bin nie lange bei etwas geblieben, um nichts zu verpassen. Aus Angst vor Stagnation, vor sozialem Ausschluss. Ich habe mich so oft zwischen den Stühlen gefühlt. Unbeständig in meinem sozialen Umfeld.
Die Tiefe in mir, die mir wie das Meer immer wieder Neues und Faszinierendes schenkt, wird dennoch oft zu einem Loch, in das man sich allzu schnell verlieren kann.
Atmen, sage ich mir dann. Atmen und zählen.
Eins: Ein, Aus.
Zwei: Ein, Aus.
Drei: Ein, Aus.
Atmen.
Atmen und zählen.
Und dann, ganz plötzlich, tauche ich wieder auf. Spüre ihre Finger auf meiner nassen Haut, ihre Arme um mich, ihre Stimmen an meinem Ohr.
Und ich atme und vergesse dabei fast zu zählen.  

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