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Baumwipfel

Die Baumwipfel über mir scheinen sich zu drehen, sie wölben sich auf, tanzen umeinander, bilden ein perfektes Dach über meinem Kopf. Ich spüre die Lehne des Campingstuhls im Nacken, starre nach oben, betrachte die feinen zarten Äste und Nadeln der Kiefern, die sich von dem blauen Grund abheben. Die Köpfe der Bäume direkt über mir wachen über mich, sie schauen auf mich nieder wie große Brüder auf ihre kleine Schwester. Es raschelt, es riecht nach Harz und Kiefernnadeln, nach Sand und dem Salz des Meeres. Der Wind ist kalt, doch die Flecken der Sonne, die sich durch das Kieferndach schlagen, sind warm. Ich starre nach oben, mag die Perspektive und den Bäumen unter ihr Gewand zu schauen. Es ist, als wären sie nackt, als könnten sie sich nicht vor mir verstecken und ich mich ebenso nicht vor ihnen.

Ich denke noch daran, als ich wieder in Berlin bin. Scrolle durch die Fotos auf meinem Handy, die ich von den Baumwipfeln gemacht habe, aber spüre nicht dasselbe Gefühl, das ich dort gefühlt habe. Die Tiefe fehlt. Sowohl im Bild als auch im Moment. Genau das ist es, was mir oft fehlt in letzter Zeit. Die Tiefe, die Perspektive, die Sicht auf die Dinge, ohne sich in ihnen zu verlieren.
An manchen Tagen wache ich auf und spüre mich nicht richtig, es ist, als würden meine Gefühle abgestumpft sein, als würde ein Nebel über ihnen liegen, durch den ich nicht hindurchblicken kann. Taub, könnte man sagen, leer vielleicht auch. Sonnenstrahlen, die die gelblichen Ahornblätter glühen lassen, lösen dann nichts in mir aus. Nicht wie sonst. Ich kann mich nicht auf die Außenwelt konzentrieren, ich bin überall, aber nicht dort, wo ich eigentlich bin. Ich betrachte die Menschen um mich herum, beobachte ihre Art zu sprechen und sich zu bewegen und sehe doch nichts als Fremde.
Tage, an denen ich aufwache und merke, dass ich nichts fühle, machen mir jedes Mal Angst. Tage, an denen mich Freunde oder Familie fragen, wie es mir geht, ganz beiläufig, ganz normal, da sage ich nur „gut“.
Denn was soll ich auch sagen? Soll ich ihnen beschreiben, wie ich mich eigentlich fühle? Dass sich alles nach Nichts anfühlt, dass ich mich nur von außen zu beobachten scheine, dass keine Handlung aktiv passiert, sondern sich alles nur automatisiert und gleichgültig anfühlt? Soll ich ihnen von der Dunkelheit in mir erzählen, die dann meine Gedanken vernebelt und den Tränen, die stumm über mein Gesicht laufen, so als hätte ich alles Lebenswertes verloren, obwohl das gar nicht wahr ist? Soll ich über die Schuldgefühle sprechen, die ich dann habe und über die Wut auf mich selbst, dass mich immer wieder diese Schwere packt und wortwörtlich nach unten drückt? Wieso sollte ich ihnen davon erzählen, wenn ich weiß, dass sie nicht wüssten, wie sie reagieren sollen? Warum sollte ich meine Last zu ihrer machen und meine Gefühle zu ihren Sorgen?
Ich kenne diese Tage, an denen ich aufwache und nichts fühle.
Ich habe sie schon lange und lebe mit ihnen wie mit all den anderen Tagen, an denen ich jeden Sonnenstrahl und jedes Lächeln genieße. Denn an diesen anderen Tagen spüre ich das Leben, an diesen Tagen wache ich auf und fühle meine Energie – die Energie, die mich ausmacht, mich voranbringt. Diese Tage sind jene, die zählen, und jene, die ich mit anderen teilen will.
Es ist die Tiefe – Gefühle, die ich bis ins Innerste spüre, die diese Tage ausmachen. Perspektive, das nach-oben-Schauen und sich treiben lassen, dem Leben vertrauen, meinen Gefühlen vertrauen, von denen ich weiß, dass sie jedes Mal wiederkommen, auch wenn ich manchmal glaube, sie verloren zu haben.

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