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Der Nebel der Medien

Ich sitze mit ihr hier am See in unseren Campingstühlen. Wir lesen. Die Sonne wärmt unsere noch feuchte Haut, irgendwo hört man das Lachen von Kindern. An Tagen wie diesen, wenn man sich nichts vornimmt, einfach in den Tag lebt, alles so nimmt wie es kommt, fühle ich erst einmal, wie schwer mir dieses Nichts-Tun manchmal fällt. Wie sehr man sich daran gewöhnen kann, Dinge zu erledigen, Sachen vorzuhaben, zu arbeiten, den Haushalt zu führen, den nächsten Punkt auf der To-Do-Liste wegzustreichen. Dabei brauchen wir dieses Nichts-Tun doch alle ab und an, auch wenn es manchen schwerer fällt als anderen. Ich merke meistens nach ein paar Tagen ohne richtige Struktur, wie ich runterkomme, nicht mehr das Gefühl habe, etwas machen, schaffen, erledigen zu müssen. Ich spüre dann, wie dieser Druck von mir abfällt, produktiv sein zu müssen, dieser Druck, der das Gefühl auslöst, dass jede Handlung ein Ergebnis oder einen Zweck besitzen müsste. Wenn man dann mal aus diesem Strudel rausgeworfen wird, in dem selbst schöne Vorhaben wie Freunde zu treffen, um etwas gemeinsam zu unternehmen ab einem gewissen Punkt sowas wie ein Stressgefühl auslösen können, merkt man, wie wichtig es ist, auch einfach mal nur zu sein. Nicht nur, damit das Gehirn unterbewusst verarbeiten und zur Ruhe kommen kann, sondern auch einfach für einen selbst. Handy weglegen und einfach mal sein. Dinge tun, die einem selbst gut tun, die Ruhe im Innern und keinen Termindruck auslösen. Einfach mal in den Tag leben und schauen was so kommt, was passiert. Einfach mal wieder lesen oder malen, selbst kochen, eine Badewanne nehmen, im Wald spazieren oder laufen gehen oder nur auf dem Balkon oder im Bett sitzen und Musik oder den eigenen Gedanken lauschen. Und dann, wenn man mal all die Ablenkung und äußeren Reize, die ständig und zu jeder Zeit auf unser Gehirn einprasseln, runterfährt, einschränkt, dann ist man manchmal überrascht was für Gedanken sich entwickeln, welche Ideen auftauchen, welche Fragen sich stellen, wie man über Dinge reflektiert, die sonst so klar waren.
Hier an diesem See mit seinen knorrigen gewundenen Bäumen am Ufer, dem Steg, der übers Wasser führt und den Alpen im Hintergrund vergesse ich für diesen Tag kurzzeitig all die Punkte auf meiner To Do Liste. Ich vergesse meine Vorhaben und Pläne, vergesse, wann ich das nächste Mal arbeiten muss, welche Baustellen in meiner Wohnung auf mich warten und was ich noch alles für die Uni erledigen müsste. Ich sitze hier mit ihr im Halbschatten eines großen Baumes, vor uns die Wiese und der See, hinter uns unser Zelt und fühle einfach das hier und nichts anderes.
Ich frage sie, was sie eigentlich noch erleben oder machen möchte in ihrem Leben, was sie für Ziele oder Träume hat. Ich finde es spannend diese Frage anderen Menschen zu stellen, die Antworten zu hören und dabei irgendwie auch eine Art Bild über den Menschen geschenkt zu bekommen, denn sagen nicht unsere Ziele und Träume so viel mehr über uns aus als das Alter oder der Ort, aus dem wir stammen?
Mir fällt schon länger auf, dass es immer weniger Menschen zu geben scheint, die eigene Ziele und Träume haben, die auf etwas hinarbeiten oder sich darüber im Klaren sind, was sie in ihrem Leben noch erleben oder sogar erreichen möchten. Vielleicht muss das ja auch nicht jeder, vielleicht reicht es ja manchen auch, das Leben zu leben wie es eben kommt, um glücklich zu sein und mit dem Strom mitzuschwimmen. Aber ist es nicht auch erstrebenswert für das eigene Wachstum und die eigene Entwicklung Träume zu haben, an diese zu glauben und sie umzusetzen? Ziele zu haben, selbst, wenn es scheinbar kleine sind? Oder sie sich im Laufe des Lebens verändern? Ist es nicht irgendwie wichtig, zu reflektieren, was man selbst vom Leben möchte, um auch Entscheidungen dahingehend klar treffen zu können? Ist es nicht irgendwie wichtig, nicht nur passiv durchs Leben zu gehen, sondern es auch aktiv selbst mitzugestalten?
Manchmal glaube ich, dass all die Ablenkungsmöglichkeiten, die wir heute haben, um uns „berieseln“ zu lassen dazu beitragen, dass weniger bewusst über sich selbst und das eigene Leben nachgedacht wird. Es gibt durch so viele äußere Einflüsse wie Netflix, Instagram, Facebook, TikTok, YouTube und Co. die Möglichkeit einfach zu konsumieren, ohne daraus wirklich einen richtigen Mehrwert für sich selbst zu ziehen. Natürlich ist gegen einen Netflix-Abend oder auch mal Netflix-Tag (wir alle brauchen das mal, haha) oder genauso gegen YouTube als bildendes Medium nichts einzuwenden. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass all diese Medien auch ihre positiven Seiten haben, aber ich sehe einfach eine Gefahr darin, bei -zum Beispiel- Instagram sich dauerhaft mit den Leben anderer Menschen beschäftigen zu können – und dabei nur mit ausgewählten und gewollt gezeigten Inhalten-, um sich mit dem eigenen eben nicht auseinandersetzen zu müssen. Wir konsumieren, ohne dass es uns oftmals bewusst ist. Wir lenken uns ab, wir lassen uns unterhalten, beladen unser Gehirn dauernd mit einem Strom an Reizen, sodass wir befreit davon sind, wirklich richtig und tiefgreifend über manche Dinge nachzudenken. Sie zu hinterfragen, zu reflektieren. Uns eben mit uns selbst zu beschäftigen.
Instagram ist schon so natürlich geworden, als wäre es unsere dritte Hand, ich wette eine Vielzahl der User hat noch nie darüber nachgedacht, es überhaupt wieder zu löschen, weil es heutzutage eben einfach dazugehört, zumindest in meiner und den nachfolgenden Generationen. Es ist wie eine moderne Visitenkarte geworden, trifft man auf neue Leute, gibts zuerst den Insta Account vor der Telefonnummer (die wäre ja zu persönlich) und gleichzeitig wird sich ein erster Eindruck über den Menschen gebildet, dessen Feed man anschaut. Gerade diese Berühmtheit der App macht es so schwer, sie eben nicht zu nutzen, da man das Gefühl hat, sich ins soziale Aus zu katapultieren und dabei konsumiere ich persönlich dort weniger bewusst, als dass ich es aktiv nutze, um etwas zu posten, zum Beispiel, um neue Blogposts anzukündigen. Dennoch spüre ich dieses Bedürfnis, wenn ich allein zuhause bin, zu schauen, was auf Insta passiert. Ja, eigentlich ist es schon eine selbstständige autonome Bewegung meiner Finger auf die App zu klicken, den Feed zu scrollen, kurz zu schauen, ob etwas Interessantes gepostet wurde, wer Stories hochgeladen hat und sie wieder zu schließen. Vielleicht sind es nur Sekunden, aber wie oft am Tag macht man das? Und wie viel Informationen nimmt man dabei wieder unbewusst auf? Wie oft machen wir das nebenbei und können unsere Aufmerksamkeit gar nicht zu hundert Prozent auf die reale Welt richten? Und zu welchem Zweck? Was bringt es uns? Wofür? Entweder wurde meistens eh nichts wirklich Interessantes gepostet oder man sieht was andere Menschen erleben, wie gut es ihnen augenscheinlich geht und wie unfassbar glücklich sie sind.
Früher habe ich mich an Tagen mit höherem Insta-Konsum eher schlecht gefühlt, als dass es mir einen Mehrwert gegeben hat, so, als wäre das eigene Leben nicht so toll und aufregend, wie das der etlichen Menschen, mit denen man sich dann virtuell vergleicht. Natürlich wiegt das alles nicht so schwer, wenn man sich darüber bewusst ist und die App differenziert benutzt, aber trotzdem fühlt es sich auch heute noch an, als würde mein Gehirn in gewisser Weise vernebeln, wenn ich zu viel Instagram an einem Tag konsumiere. So als würde man immer das Gefühl haben, etwas zu verpassen, nicht dazuzugehören, wenn man nicht mehrmals am Tag den Feed checkt oder die neusten Memes kennt. Dabei gibt es mir so wenig und trotzdem konsumiere ich es, wir. Jeden Tag.
Sei es der Griff zum Handy gleich nach dem Aufwachen, um dann zu sehen, wer wieder einen geilen Abend hatte, während ich abends allein genetflixt oder gelesen habe, das Entsperren in der Bahn oder in einer Warteschlange oder sogar das Scrollen durch den Feed beim Essen oder vor dem Fernseher. Wir bombadieren uns freiwillig und meist unbewusst mit Millionen unterschiedlicher Reize gleichzeitig, konsumieren die Leben anderer Menschen und haben dabei ständig das Gefühl, etwas zu verpassen oder einen Moment teilen zu müssen, damit er gesehen wird und dabei irgendwie festgehalten, irgendwie einen Wert beigemessen bekommt. So als würde es nicht reichen, dass er in unserer Erinnerung existiert. Unweigerlich ist da dieser Griff zum Handy in ruhigen Minuten, in denen wir uns im Leerlauf befinden, als könnten wir Gefühle wie Langeweile oder einfach nur zu sein, nicht mehr ertragen. Oder als seien wir es einfach nicht mehr gewöhnt.
Wir leben dauerhaft, paralell zu unserer eigenen realen Welt, auch noch in einer virtuellen, die uns die Leben anderer vorspielt, Ideale manifestiert und Leistungs-, Erlebens- und Produktivitätsdruck auslöst. Wir lassen uns freiwillig ablenken, berieseln uns mit Medien, die dafür konzipiert wurden, Sucht hervorzurufen. Die dafür existieren, sie immer mehr und immer weiter zu nutzen, zu konsumieren, zu konsumieren, zu konsumieren.
Und manchmal frage ich mich, ob es genau diese Verführungen unserer heutigen Welt sind, die es so schwer machen, einen klaren geordneten Kopf zu haben. Sich zugehörig, angenommen und akzeptiert zu fühlen und glücklich mit dem eigenen Leben zu sein, ohne ständig das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen, nicht dort zu sein, wo andere scheinbar gerade so viel glücklicher sind oder so viel mehr Spaß haben, denn irgendwie kommt in meinen glücklichsten und schönsten Erinnerungen nie auch nur eine virtuelle App vor.

Ein Kommentar

  1. […] habe vor zwei Monaten Instagram gelöscht. Nach meinem Blogpost „Der Nebel der Medien“ und dem Netflix Film „Das Dilemma mit den sozialen Medien“, den ich gesehen und der mich […]

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