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Die Weite der Sterne

Sterne waren für mich seit jeher etwas immer Dagewesenes.
Ich habe sie immer als schön und unendlich empfunden, sie haben mich an jeden Ort meines Lebens begleitet, waren stets an meiner Seite und auch am Tag wachten sie über mich, tief verborgen hinter dem stechenden Blau des Himmels oder dem reinen Weiß der Wolken.
Sterne waren für mich immer etwas Normales, etwas, das immer da war, wie die Sonne, wie der Wind in meinen Haaren.
Doch was wäre, wenn es keine Sterne gäbe? Was wäre, wenn sie von der Dunkelheit der Nacht verschluckt werden würden und wir alle nicht mehr in den Himmel sehen würden, um die hellen Lichter, sondern pure Schwärze zu erblicken? Was wäre dann?
Würden die Paare immer noch unter sternenklarem Himmel liegen und sich nochmals ineinander verlieben, weil sie die Unendlichkeit über ihnen verzaubert hat?
Würden Astronomen immer noch darauf versessen sein, die Weiten des Alls zu erkunden und die Mysterien des Weltraums zu lüften?
Würde es immer noch Astronauten geben, die nach oben wollen, in die Schwerelosigkeit, in das Unbekannte?
Würde es das alles noch geben, wenn die kleinen Lichter am Himmel, die uns die tiefste Nacht erleuchten, verschwunden wären? Vielleicht nicht. Vielleicht schon.
Vielleicht würde uns die pure allumfassende Schwärze genauso faszinieren wie die hellen Flecken am Himmelszelt.
Doch würden wir nicht etwas vermissen? Würden wir dieses Gefühl des Kleinseins in einer dunklen Nacht unter klarem Himmel, in der die Sterne wie Millionen kleiner Augen über uns schweben, nicht vermissen? Ich würde es vermissen. Mir würde etwas fehlen.
Ich starre in den Himmel, die leuchtenden Punkte über mir, eingehüllt in die kalten Arme der dunklen Schwärze. Ich bin gefangen in diesem Augenblick voller Hoffnung, voller Trauer, voller Sehnsucht. In den Sternen findet man die Antworten, nach denen man so lange gesucht hat.
Aber sie werden dir nicht vorgesagt, dir gibt niemand einen Rat und es wird dir auch nicht ins Ohr geflüstert, nein, wenn du in die Sterne schaust, dann findest du deine Antworten selber. Sie fliegen dir zu, waren schon immer in dem dunkelsten Eckchen deines Kopfes, lauerten nur darauf, in einer stillen Sekunde des Nachdenkens hervorzukommen und dich wachzurütteln aus deinem Traum.
Aus dem Traum, aus dem nicht viele in unserer Welt erwachen. Der Traum, der jeden umfängt, ihn einspinnt und nicht mehr loslässt. Ein Traum so schön, bunt und frei wie die Welt im Kopf eines Kindes. Wir alle leben diesen Traum, wir atmen diesen Traum, doch es gibt einige wenige Menschen, die ihn durchbrechen, die Antworten finden. Wichtige Antworten auf wichtige Fragen.
Und manchmal, manchmal finden diese Menschen ihre Antworten in den Sternen über uns.
Die Sterne, die uns traurig machen, die uns Hoffnung geben, die uns zerstören.

Meine Beine ausgestreckt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, der Atem ruhig, der Blick verfangen im Himmel, in dieser unendlichen Weite, den unendlichen Sternen, die nicht zu enden scheinen. Tränen laufen über mein Gesicht und tropfen auf den harten Grund unter mir.
Tränen tropfen auf den harten Grund und ziehen eine kühle Spur über meine warme Haut.
Die Sterne, die mich traurig machen, die mir Hoffnung geben, die mich zerstören, weil ich ganz genau weiß, wie klein ich doch bin, in diesem unendlichen System.
So klein in diesem unendlichen System voller Schmerz und Leid. Voller Freude, Machtgier und Trauer. Ich bin ein winziger Spieler in einem riesigen Team, das oft, so scheint es, gegeneinander spielt. Tränen tropfen auf den harten Grund und ziehen eine kühle Spur über meine warme Haut.
Ich denke an Krieg, ich denke an Leid, an Schmerzen, an zerrissene Familien, gebrochene Kinderseelen, zerbombte Heimatstädte, flüchtende Menschen, die Unterschlupf suchen.
Ich denke an all das, wenn ich in die Sterne schaue und an noch so viel mehr. Ich denke an Machtgier, an Kapitalismus, an Ausbeutung, Konsum und Umweltverschmutzung. Ich denke an all das, wenn ich in die Sterne schaue und an noch so viel mehr.
Tränen laufen über mein Gesicht, doch ich wische sie nicht weg, weil ich weiß, dass sie wahr sind, dass sie berechtigt sind, weil so viel Trauer in mir herrscht. So viel Trauer und Wut, weil ich so klein bin in diesem unendlichen System, weil ich nichts ausrichten kann, weil ich machtlos bin gegen all den Schmerz und das Leid. Weil ich all das nicht ändern kann.
Vielleicht nicht. Vielleicht schon.

Ja, ich würde die Sterne vermissen, wenn sie nicht mehr da wären.
Sie würden mir fehlen, würden eine Leere in mir hinterlassen, die man nicht mehr füllen könnte. Denn Sterne lassen uns nach etwas Höherem streben, lassen uns all das Realistische vergessen und uns in die Höhe recken, damit wir etwas verwirklichen können, das unmöglich erscheint. Ich würde die Sterne vermissen, weil sie mich nachdenken lassen, weil sie all die Trauer, die Hoffnung und Freude in sich vereinen und ich weiß, dass jeder Mensch auf der Welt dieses eine Bild im Himmel erblickt. Weil ich weiß, dass ein Mädchen, das eben vergewaltigt wurde zum Himmel schaut und die Sterne betrachtet, um Hoffnung und Mut zu schöpfen.
Weil ich weiß, dass ein kleiner Junge in Syrien über seinen toten Eltern hockt und in den Himmel schaut, um die Sterne zu erblicken, um einen Teil seiner Wut und seines Schmerzes wiederzufinden und loszulassen. Weil ich weiß, dass all diese Menschen, die dasselbe Bild im Himmel erblicken wie ich, die Hoffnung nicht aufgeben und weiterkämpfen in einer Zeit, die ihnen zu brutal zum Überleben erscheint.
Weil ich weiß, dass es all diese Menschen dort draußen gibt, die Leid und Schmerz erfahren, vor dem ich hier geschützt bin und trotzdem an etwas glauben, an eine bessere Zeit.
Eine Zeit, in der sie frei sein können von all dem Hass und der Bosheit.
All das denke ich, während ich in die Sterne schaue und ihre Unendlichkeit bewundere.
All das geht mir durch den Kopf und noch viel mehr, denn es gibt so viel mehr in dieser ungerechten Welt über das es sich nachzudenken lohnt. So viel mehr, dass man ändern müsste.
So viel mehr, dass gesagt und gehört werden müsste. So viel mehr, als das, was jetzt passiert.
Ich würde die Sterne vermissen, weil sie recht haben.
Weil sie mir sagen, dass ich klein bin, nur ein winziger Teil im großen Ganzen eines Teams, das gegeneinander und nicht miteinander spielt. Kleiner als ein Staubkorn, nur der Hauch eines Lebens in unserem riesigen Puzzle, das sich die Menschheit nennt.
Ich würde die Sterne vermissen, weil sie mir Hoffnung geben, sie mir zuflüstern, dass ich kämpfen kann, dass ich meine Stimme erheben und etwas sagen kann, damit es jemand hört.
Und wenn ich das weiß, ein sechzehnjähriges Mädchen, noch grün hinter den Ohren, dann sollte es den anderen in dieser ungerechten Welt nicht schwerfallen, dasselbe zu wissen.

Vielleicht nicht. Vielleicht schon.

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