ein Lächeln

SEV. Schienenersatzverkehr.
Menschen strömen wie Irre aus der Bahn, ergießen sich auf das zu volle Bahngleis. Menschen drängen wie Wilde zu den Türen, warten, flanieren bereits Minuten vor dem Eintreffen der Bahn dicht an dicht an der Kante zum Gleis. Die Türen öffnen sich, Menschen brechen nach draußen wie eine Welle. Fließen durch einen winzig schmalen Gang, der freigelassen wird, bevor nach dem unruhigen Hin- und Hertrippeln auf den Schuhspitzen der Erste, dann der Zweite in die Bahn hetzt. Schnell, schnell. Sitze werden beschlagnahmt, sie stürzen sich darauf, als hätten sie wochenlang nichts gegessen und würden nun ein reich gefülltes Buffet vor sich sehen. Die Türen schließen sich, die Bahn fährt los, vollgestopft mit Menschen, warmen zuckenden Körpern, Augenpaaren, die versuchen nichts zu fixieren, auf keinem Gesicht zu lange zu verweilen. Zerstreuung suchen, aber nichts anschauen, sondern hindurchschauen. Verschwinden in ihrer eigenen Welt. Dem Buch, der Musik, den Gedanken, dem Fußboden, der Welt vor dem Fenster.
Und ich stehe auf dem Gleis, nehme Treppenstufe um Treppenstufe, haste zwischen den Menschen hindurch, die genau wie ich irgendwohin eilen. Zur Arbeit, zur Schule, zur Uni, in den Alltag.
Es bildet sich ein Strom, in den man sich eingliedern oder den man stören kann. Ein Strom, eine Masse, nichts Genaues, nur viele Gesichter. Ich spüre die Eile in der Luft vibrieren, spüre das zügige Tempo des Stroms und blicke in die gestressten Gesichter, die mir entgegenkommen.
Handys am Ohr, in der Hand, vor dem Gesicht. Kaffeebecher zum Wachhalten, Aufwachen, da sein, effektiv sein. Um funktionieren zu können. Schnelle Schritte, anrempeln, überholen, Anschluss schaffen.
Ich spüre die Eile in der Luft vibrieren, spüre das zügige Tempo des Stroms und blicke in die gestressten Gesichter, die mir entgegenkommen. Ich versuche zu atmen, ruhig zu gehen, zu entspannen, geht nicht.
Kurz vor der Treppe, die von den wildgewordenen Ameisen, die durcheinander wuseln, hastig erklommen wird, laufen sie alle an einer einzigen Person vorbei. Ich auch. Ganz dicht. Direkt neben mir.
In einem kleinen Spalt zwischen den zwei Strömen steht ein Mann, recht jung in dunklen abgewetzten Klamotten, ein großer Rucksack steht neben ihm auf dem Boden. Es dauert nur Sekunden, wenige Sekunden, die mir den ganzen Tag im Kopf bleiben. Wenige Worte, die ich im Vorbeigehen, im hastigen Laufen aufschnappe. Wenige Worte, die der junge Mann sagt.
Er hat mehrere Zeitungen in der Hand, hält sie vor seiner Brust und sieht dem Strom zu, wie er an ihm vorbeirauscht. Steht ganz unbeteiligt als einziges stilles ruhiges Objekt in diesem wilden Ameisenhaufen.
Niemand sieht sich an, niemand sieht ihn an. Niemand sieht irgendetwas. In den Köpfen sind alle bereits woanders, in der nächsten Bahn, schon im Büro oder im Feierabend, im Supermarkt heute Abend oder beim Sport.
Er fragt, ob jemand Interesse an dem Straßenfeger hat, ob ihm jemand ein paar Euro dafür geben möchte und wünscht allen einen schönen Arbeitstag. Niemand reagiert. Es ist, als würde er gar nicht existieren, nicht mal angeschaut wird er.
Sekunden, alles geht ganz schnell, natürlich bleibt niemand stehen, alle müssen weiter, die Bahn, den Termin, den Kurs schaffen.
„Wenigstens ein Lächeln können Sie mir schenken. Eine Spende oder ein Lächeln bitte. Über ein Lächeln würde ich mich freuen.“, sagt er, aber ich bin schon an ihm vorbei, bei der Treppe, viel zu gefangen in diesem Strom, der mich mitreißt. Ein Lächeln.
Alles, was er wollte, war ein Lächeln von diesem Strom. Etwas, das heraussticht, jemand, der ihn wahrnimmt. Der ihn wirklich sieht. Sekunden, die mir lange im Kopf bleiben. Wörter, die mich verfolgen und ein Wunsch, der schöner nicht sein könnte. Etwas, das so viel geben kann und so einfach umzusetzen ist.
Jemand braucht es, diese kleine Geste der menschlichen Wärme, vielleicht jemand, den du kennst, vielleicht jemand, den du oft siehst oder aber jemand, der dir vollkommen fremd ist und der neben dir in der Bahn sitzt. Jemand, der dieses Lächeln an diesem Tag gebrauchen kann.
Eine Geste des Sehens, des Sich-Wahrnehmens, eine Geste, die zeigt, dass wir alle nur Menschen sind.
Denn was kostet dich ein Lächeln?

(9) Kommentare

  1. Laura sagt:

    Ist es nicht der schönste Wunsch sich ein Lächeln zu wünschen? Noch viel trauriger ist es dann, dass ihm der Wunsch nicht erfüllt wird.
    Ich kenne die Situation Charly und auch, wie schuldig man sich fühlt, wenn man es nicht geschafft hat zu lächeln.
    Danke für deine tiefen Zeilen!

    1. Charly sagt:

      Oh ja man fühlt sich wirklich schuldig, aber noch ein Grund mehr, es beim nächsten Mal anders zu machen! 😀
      Danke für deine Worte :*

  2. Mile sagt:

    Ein Lächeln kostet nichts und trotzdem wollen/können es so viele Menschen nicht geben. Ich hoffe jeder bekommt dieses Lächeln, ein wirklich ehrliches Lächeln.
    Wunderschöne Worte, Charly!

    1. Charly sagt:

      Danke Mile, das bedeutet mir wirklich viel 🙂
      Das hoffe ich auch, denn jeder hat es irgendwie verdient.

  3. ... sagt:

    „kleine Geste der menschlichen Wärme“ ist eine unfassbar passende Beschreibung. Es ist unabhängig davon, wie gut man einen Menschen kennt. Man kann sich nicht falsch ausdrücken, nichts falsches sagen. Ein aufrichtiges Lächeln ist einfach ein kleines Balsam für die Seele und drückt manchmal so viel mehr aus als Worte es könnten. Eine kleine Herzfreude.
    Danke für den Text 🙂

    1. Charly sagt:

      Wirklich sehr schön beschrieben! Danke für deine Meinung 😀
      Und du hast so so Recht, denn ein Lächeln kann jeder schenken, man muss nicht
      mal dieselbe Sprache sprechen und trotzdem versteht es jeder. Und das ist wunderschön

  4. Jojo sagt:

    Hallo Charly ❤️Ich habe mich immer gar nicht getraut etwas unter deine Texte zu schreiben, weil ich immer dachte, dass du alles schon in deinen Texten geschrieben hast und das ich diese Worte nicht finden kann, wie du sie immer findest. Ich lese jeden deiner Texte und jedes Mal denke ich: wow, das ist der allerbeste Text von ihr. Aber du scheinst dich jedes Mal zu übertreffen. Danke, dass du deine Gedanken teilst und über alles Mögliche schreibst und mir damit immer wieder neue Denkanstöße verpasst. Ich finde es toll, wie dieses Text so viel Freiraum für eigene Gedanken lässt, aber trotzdem deine Gefühle und Gedanken beschreibt. Bitte höre nie auf mit dem Schreiben. Du kannst so stolz darauf sein! Hab dich lieb

    1. Charly sagt:

      Awwwwwww!!!! ❤️ Du bist so süß 🙈 Danke für deine lieben Worte, du glaubst gar nicht wie viel mir das bedeutet!
      Es gibt mir so unheimlich viel, wenn ich merke, dass ich durch meine Texte wirklich jemanden zum Nachdenken anrege und deine Worte sind einfach ein riesiges Kompliment, allein deswegen werde ich nie aufhören zu schreiben 😇 Danke 😘

  5. Bennet sagt:

    Das bewusste umgehen miteinander, das erleben der anderen als Mit-„Menschen“ und nicht als anonymes Gewusel. Das sind Dinge, die vorallem auch im Internet fehlen und führen dazu, dass Diskussionen immer shwieriger werden. Wer den anderen hingegen zeigt, dass man selbst bemüht darum ist ein Verständnis aufzubauen und den anderen halt nicht als Nichts abstempelt, dann wäre schon eine Menge getan.

    Und dein Text zeigt, dass dies alles und noch mehr von einem Lächeln ausgehen kann.

    LG Bennet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert