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ein Mädchen mit einer Kamera

Manchmal fühle ich mich wie eine Romanfigur.
Gefangen in meiner eigenen Geschichte, die mein Leben ist, begleitet von der Erzählerstimme in meinem Kopf, die manche Situationen, die ich erlebe, so ganz anders beschreibt, als ich sie vielleicht in dem Moment fühle. Als würde dieser Teil in mir erkennen, welches innere Wachstum ich gerade durchlebe, wo die Baustellen sind, an denen ich immer und immer wieder hängen bleibe, weil ich über einen Haufen Erde stolpere, der immer noch nicht verräumt ist. Es ist, als würde ich immer eine Rolle spielen, mal die Tochter, mal die Schwester, mal die Freundin aus der Uni oder alten Zeiten.
Wir stecken in einem Netzwerk aus sozialen Verknüpfungen, aus dem wir uns nicht wirklich lösen können, nur mit Gewalt vielleicht und das will man ja auch gar nicht. Und trotzdem scheint dieses soziale Netz, in das wir hineingeboren werden und in dem wir wachsen, uns selbst mitzubestimmen und die Person, die wir sind, die Rolle, die wir spielen. Und dabei frage ich mich manchmal, wer ich wäre, wenn all diese Rollen, die ich gewohnt bin anzunehmen nicht existieren würden, wenn die Menschen in meinem Leben kein Bild von mir im Kopf hätten. Denn für meine Eltern bin ich jemand anderes, als für meine Freunde oder gar meine Arbeitskollegen, oder für die Menschen, die mir so zufällig über den Weg laufen.
Wir spielen Rollen und wir sind geradezu genial darin, uns immer ein kleines Stück an das Gegenüber anzupassen, nicht so, dass wir nicht mehr wir selbst sind, aber dennoch beeinflussen uns andere Menschen, es ist eben immer etwas anderes, ob man zu zweit, zu sechst, zu zehnt oder alleine ist.
Und hier, hier bin ich einfach nur ein Mädchen mit einer Kamera.
Dieser Ort, der genauso verlassen ist, wie es in Endzeitfilmen immer gezeigt wird, wenn die Apokalypse die Menschheit von der Erde gefegt hat, versprüht eine ganz eigene Atmosphäre. Die Gebäude, die auf diesem Gelände in den von dunklen Regenwolken übersäten Himmel ragen, sind verlassen, aber nicht leer. Sie sind angefüllt mit Vergangenheit, mit den Erinnerungen von unzähligen Menschen, die durch die Gänge gelaufen sind oder heute hier ein kleines bisschen Gesetzlosigkeit suchen. Auch wir sind nicht allein.
Dieser Ort ist kein Geheimnis mehr, schon von der Straße erkennt man die zwei riesigen, in die Luft ragenden Röhren aus Backstein. Glas knirscht unter unseren Schuhen, feiner weißer Kalkstaub klebt auf dem Boden und an den Wänden prangt bunte Farbe in wilden Linien. Ich liebe diese Tage, an denen ich die Zeit vergesse und das Handy ganz tief in meinem Rucksack vergraben ist. Wir treffen auf einen anderen Umherstreifenden, der mit Hund und Drohne die Gebäude erkundet. Es ist so leicht irgendwie, wenn man abseits seines Alltags auf Menschen trifft. Hier habe ich keine Rolle, die ich einnehme, hier kennt mich niemand, hat kein Bild von mir im Kopf, hier weiß niemand, wer ich bin und wo ich herkomme, was ich in meinem Leben mache und manchmal nicht mal meinen Namen.
Hier bin ich jetzt und heute einfach nur ein Mädchen mit einer Kamera.
Die Drohnen fliegen wie kleine Lebewesen durch die Luft, das Surren der Propeller klingt wie das weit entfernte Rauschen eines Motorradrennens. Sie gleiten fast schwerelos über unsere Köpfe hinweg, gelangen an Orte, an die wir nie kommen werden, zumindest nicht so wie sie, nicht so einfach. Perspektivwechsel, denke ich, während ich den Kopf in den Nacken lege und dem kleinen summenden Objekt beim Überschlagen zuschaue.

Als wir weiterziehen, reden wir über Träume und Lebenszeit.
„Das ist sowieso das Beste, wenn man mit etwas Geld verdienen kann, das einem Spaß macht. Irgendwie so das Hobby zum Beruf zu machen.“, sage ich und schaue an den grauen Fassaden der Gebäude rechts und links von uns empor. Angestrahlt von der Sonne, aber mit dem dunklen Himmel in ihrem Rücken sehen sie fast wie Gefängnistrakte aus. Es hat etwas Mystisches.
„Ein Kumpel von mir meinte mal: Ihr braucht mir nichts zum Geburtstag zu schenken, außer ihr könnt mir Zeit schenken.“, erzählt er und ich stimme ihm zu. „Zeit ist das Wichtigste. Wenn man am Ende Jahre seines Lebens nur gearbeitet, statt gelebt hat, fragt man sich doch bestimmt: Wofür eigentlich? Selbst jetzt frage ich mich das manchmal. Geld kann nicht glücklich machen, auch, wenn man trotzdem so viel braucht, um gut leben zu können. Geld kann Sorgen nehmen und Dinge einfacher machen, aber glücklich macht uns nur die Zeit, die wir haben.“ Er nickt. Wir reden darüber, dass Zeit ja auch nur so wertvoll ist, weil sie limitiert ist. Würden wir ewig leben und säße uns diese zarte Vergänglichkeit unseres eigenen Lebens nicht im Nacken, würde uns ja auch nicht jeder Moment so kostbar erscheinen.
Genau deswegen liebe ich solche Tage wie heute.
Sie stechen heraus, sie lassen mich die Zeit vergessen und entführen mich aus den Rollen, die ich sonst spiele. Hier kennt mich niemand und ich kenne genauso wenig jemanden. Und manchmal sind genau das die Augenblicke, in denen wir von uns selbst überrascht werden.

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