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Floskeln, die treffen

Wir steigen ins Auto, das von außen viel kleiner wirkt als es ist. Zwei vorne, zwei hinten, ich rechts, sie links. Der Motor erwacht leise und wir rollen los.
Heute wird ein guter Tag, das spüre ich schon jetzt.
Wir fahren zum See. Heute ist es heiß, auch wenn es jetzt noch recht bewölkt ist, die Wärme wabert trotzdem in der Luft. Musik dröhnt aus dem Autoradio, wir unterhalten uns über Unikram und Corona. Anstehende Prüfungen, Anforderungen in Sportkursen, Impfungen, die Delta Variante, ob sie kommt, die Vierte Welle und wann wohl unsere Uni wieder in der Uni stattfinden wird. Schon lange zügeln wir uns mit unseren Hoffnungen, weil eben diese schnell wieder enttäuscht werden können. Die Themen wechseln sich ab wie die Auswechselspieler auf der Bank eines Handballspiels.
Es ist die Dynamik von Gruppen, der Input, den jeder mit rein gibt, dieses Ping Pong des Gesprächsstoffs, das lange Zeit gefehlt oder nur minimal vorhanden gewesen ist. Jetzt ist es umso schwieriger, wieder so viel Soziales auf einmal aufzunehmen. Selbst das, ist Gewöhnungssache.

Wir tuckern durch die schmalen Straßen zwischen den Einfamilienhäusern in der Nähe des Sees. Wir reden über Feminismus und unsere Erfahrungen mit Alltagssexismus. Übers Gendern und die Wichtigkeit dieser Themen.
Darüber, dass Sprache mächtig ist und vieles, was sich in den Köpfen verändert, mit ihr beginnt.
Ich erzähle von Situationen, die ich beim Training im Park erlebt habe, wo hauptsächlich Männer trainieren. Dass ich einmal in kurzer enger Sporthose und Top bei warmem, aber bewölkten Wetter dort war und wir in der Gruppe Volleyball gespielt haben. Dass es kühler wurde, umso länger wir dort waren und ich sagte, jetzt würde es frisch werden. Ich sei auch, naja, vielleicht ist das nicht das richtige Wort, aber, ganz schön freizügig angezogen, bekam ich als Antwort auf meine Aussage. Ich wusste nicht so recht, wie ich damit umgehen sollte, hatte schon wieder und nicht zum ersten Mal das Gefühl, nur weil man als Frau einen bestimmten Köper hat, müsse man vorsichtig sein, wie man diesen kleidet, wie man sich gibt, weil sonst genau sowas kommen könnte. Dabei haben wir Frauen jedes Recht alles anzuziehen, was wir dürfen, egal, wie freizügig oder nicht wir dabei vielleicht sind.
Hätte ich mir diesen Kommentar auch anhören müssen, wenn ich anders aussehen würde? Ich antwortete, dass er doch genau das gleiche anhätte wie ich: eine kurze Hose und ein Tanktop. Was würde das für einen Unterschied machen? Für mich war die Sache erledigt und trotzdem erinnere ich mich noch allzu gut an die Situation.

Ich bemerke oft die Blicke, die mir häufiger unangenehm sind als angenehm und ich erwische mich mittlerweile bereits dabei, zu denken, ich sollte dieses oder jenes lieber nicht anziehen, um nicht zu sehr aufzufallen oder wieder in solche Situationen zu kommen, in denen mein Körper im Vordergrund steht und nicht ich als Mensch.
Genauso erlebte ich die Situation, dass einer der Männer, die dort manchmal trainieren zu einem anderen sagte, er würde trainieren oder kämpfen wie ein Mädchen. Ich spürte sofort etwas Bitteres in mir aufsteigen und mischte mich ein. Da ist so eine leichte Wut in mir, ein Grollen, dass sich dann in mir breit macht und rausgelassen werden will und es tut gut, dass die jungen Frauen hier mit mir in diesem Auto verstehen, wie ich fühle.
Ich fragte den Mann, weshalb er diese Formulierung als Beleidigung benutzen würde? Es sei damit ja impliziert, dass Mädchen oder Frauen schlechter kämpfen oder trainieren würden als Männer und das nur aufgrund ihres Geschlechts. Dass das doch gar keinen Sinn macht und wieso Mädchen nicht genauso gut trainieren oder kämpfen könnten wie Männer?
Wenn kleine Mädchen diese Sätze hören, wenn ihre Eltern oder gar ihre Väter das zu ihnen sagen, oder sie mitbekommen, wie es zu einem Jungen gesagt wird, was wird das wohl mit ihnen machen? Ihr Selbstvertrauen und das Vertrauen in ihre Fähigkeiten stärken oder eher schwächen? Ich glaube kaum, dass sie dadurch selbstbewusster werden.
Als Frau, die schon ihr Leben lang Sport macht und vor allem in Sportarten, die hauptsächlich Männerdominiert sind, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es manchmal schwierig ist, bei sich zu bleiben und sich nur mit sich und seinen eigenen Leistungen zu vergleichen. Denn, egal wie viel ich trainiert, gearbeitet, gekonnt habe, Männer werden immer einen biologischen Vorteil haben. Und ich wollte schon früh beweisen, dass ich Dinge genauso kann. Dass ich genauso stark sein kann, genauso schnell, genauso mutig bin, weil genau dieses Idealbild unsere Gesellschaft prägt. Weil diese scheinbar männlichen Eigenschaften, jene sind, mit denen wir immer noch am weitesten kommen. Die am anerkanntesten sind.
Ich habe schon immer um Anerkennung gerungen, gekämpft, weitergemacht, bis ich endlich selbst irgendwie mit mir zufrieden war, auch wenn es mir oft immer noch nicht ausreichte. Mein Bruder schafft mehr Klimmzüge als ich, obwohl er seit Jahren nicht wirklich Sport macht. Ich trainiere mittlerweile seit anderthalb Jahren an Klimmzügen und bin stolz, dass ich nun mehrere aus dem kompletten Hängen schaffe. Für mich, wenn ich mich mit mir selbst vergleiche, mit meinem früheren Stand ist das eine große Steigerung und ein Fortschritt. Dennoch schafft mein Bruder ohne in den letzten Jahren nennenswerten Sport gemacht zu haben, mehr als ich.
Und das ist nur ein Beispiel.
Vielleicht ist es noch ein Lernprozess für mich, mich generell nicht zu vergleichen und vielleicht bin ich dort zu sehr geprägt, um es gelassener zu sehen aber trotzdem stehe ich auf, wenn jemand sagt, Frauen könnten etwas nicht schaffen, nur weil sie Frauen sind.
Denn das stimmt nicht.
Wir können alles schaffen, wenn wir wollen.
Wir übertreffen andauernd unsere eigenen Leistungen, unsere eigenen Grenzen, arbeiten an uns, geben uns gegenseitig Halt, verstehen wie sich die andere fühlt. Und genau das ist es doch, worauf es am Ende ankommt.

Sätze, Floskeln, Sprichwörter mögen nur Worte sein.
Mögen Gewohnheit und Normalität sein. Und Menschen mögen behaupten, das sei doch nur ein dummer Spruch gewesen, dass man das ebenso sagt und schon immer gesagt hat – Und trotzdem sind es Worte, die treffen, mitten ins Herz. Worte, die kleinen Mädchen das Gefühl geben, sie müssen eh nicht anfangen zu kämpfen oder zu trainieren oder sonst was, weil sie es auf ihre Art falsch machen. Die sie dazu bringen, sich für die Art, wie sie Dinge tun, kämpfen oder trainieren zu schämen und es auf die „bessere männliche“ Art zu tun. Dabei ist das falsch. Es gibt kein besser oder richtiger.
Es gibt nur Arten Dinge zu tun, ohne Adjektiv, ohne Konnotation.
Und nur, weil Dinge „nur Sprüche“ sind oder schon immer so gesagt wurden, heißt es nicht, dass sie richtig sind. Dass sie berechtigt sind. Denn Worte sind das Essentiellste was wir haben, um uns zu verständigen.
Mit Worten schaffen wir Verbindung zwischen uns Menschen.
Mit Worten schaffen wir Nähe und Liebe und Austausch.
Worte sind mächtig und mit Worten sollten wir anfangen, Dinge und vor allem Denkweisen zu verändern.

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