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Anfreunden

Nach dem Aufstehen und nachdem ich mich vor den Spiegel gestellt habe, merke ich, dass heute wieder einer dieser Tage ist. Ich betrachte mein Gesicht und blicke in traurige Augen. Sie sehen schon immer so aus – wenn ich nicht lächle, denken die Menschen, ich wäre traurig. Vielleicht bin ich das ja auch, doch meistens eigentlich nicht. Ich sehe nur so aus. Doch ich selber seh mich ja nicht, ich spüre mich nur.

Jetzt gerade aber sehe ich mich, betrachte meinen Körper und betrachte ihn als Feind. Es gibt solche Tage wie heute, an denen er nicht mein Freund ist, nicht dieser treue Verbündete, der er sonst eigentlich ist, sondern etwas anderes, etwas, durch das ich mich selbst schlecht fühle.
Doch eigentlich ist er ein Verbündeter, der mich tagtäglich durch meinen Alltag trägt, Belastungen aushält und mich das was ich liebe, tun lässt – Bewegung. Er ist gesund und stark und zu so vielem fähig. Er verzeiht es mir, wenn ich mal übertreibe und erholt sich wieder, wenn ich ihm Ruhe schenke. Er steckt Erkältungen, Verletzungen und Phasen weg, in denen ich ihm nicht so viel Bewegung schenke wie sonst. Er ärgert mich manchmal mit kleinen Lappalien, macht auf sich aufmerksam, wenn ich ihn mal wieder übersehen habe, nicht gut genug zugehört, was er mir sagt.

Doch heute, heute sehe ich mich an und sehe diesen Verbündeten nicht, den ich sonst immer sehe.

Es gibt solche Tage und grundsätzlich ist das auch ok – dennoch frage ich mich, warum wir uns selbst als Feind betrachten, wo es doch so viel einfacher wäre, uns selbst die Hand zu geben? Uns anzunehmen, uns einzugestehen, dass wir selbst es sind, die uns im Weg stehen, wenn der innere Kritiker immer die lauteste Stimme in uns ist.
Wieso fragen wir uns nicht, was wir an unserem Körper mögen?
Wieso betrachten wir nicht unser Spiegelbild und sehen die Merkmale, die uns schön und einzigartig machen?
Wieso ist es immer das Negative, das wir anziehen wie das Licht die Motten?

Wir brauchen dieses Wohlwollen uns selbst gegenüber, unser Körper braucht unsere Fürsorge und unser Verständnis genau wie der Rest von uns. Er ist nicht gemacht, um perfekt auszusehen, oder in ein Idealbild zu passen, er ist gemacht, um zu funktionieren, um uns durch den Alltag zu bringen, das Leben zu spüren, das wir leben wollen.
Er trägt Spuren unserer Vergangenheit, zeigt uns, was wir schon alles erlebt und erreicht haben, worauf wir stolz sein können und was uns verletzt hat. Narben, Sommersprossen, Haare, blaue Flecken, Dellen, Streifen, Muskeln – Alles etwas, das zu uns gehört und trotzdem mögen wir manches davon mehr als anderes.
Gäbe es seit jeher Werbeplakate, auf denen Oberschenkel von Dellen und Dehnungsstreifen geziert würden, würden wir uns dann überhaupt Gedanken darüber machen?
Wäre dieses kleine Bäuchlein, das von der abendlichen Portion Schokolade oder dem regelmäßigen Brunchen mit Freunden herrührt schon immer normal auf den Bildern, die wir tagtäglich sehen, würden wir es dann auch bei uns selbst besser akzeptieren können?

Wir können nur begrenzt ändern, wie wir aussehen, wir können schlanker oder breiter oder trainierter werden, doch das Grundgerüst, das steht – egal wie sehr wir daran rütteln. Und ist das schlecht?
Es ist ja gar nicht nötig alles an sich bedingungslos zu lieben, darum geht es ja auch gar nicht, Unzufriedenheit ist bis zu einem gewissen Maß auch immer der Antreiber für Veränderung, doch den eigenen Körper immer als Feind zu betrachten, der nicht so ist, wie man ihn eigentlich gerne hätte, produziert nur Scham und Unsicherheit, Unausgeglichenheit und Neid.

Ich bin die Summe meiner Eltern. Wenn ich sie betrachte, erkenne ich die Ähnlichkeiten und die Unterschiede. Mein Körper trägt die Grundform meiner Mutter und die Nase meines Vaters und die Spuren meines Lebens, des Sports, der mich begleitet. Mein Körper ist gesund und stark und zu so vielem fähig und trotzdem noch betrachte ich ihn an manchen Tagen wie meinen Feind und nicht wie meinen Freund.
Wir sind immer wieder streng mit uns und verständnisvoll mit anderen, so als wären wir uns selbst nicht genauso viel wert, wie es uns andere Menschen sind. Dabei ist das der grundsätzlichste Fehler, den wir begehen können. Erkennen wir nicht einmal selbst unseren Wert in der Summe unseres ganzen Seins, wie sollen es dann andere tun?

Ich habe diesen einen Körper und keinen zweiten und noch immer betrachte ich ihn manchmal und frage mich, wie ich jenes oder dieses ändern, wie ich noch mehr Sport und mich noch gesünder ernähren könnte. Ich optimiere mich selbst und bemerke, wie ich andere Sachen verpasse, weil das Training zu einem unabdinglichen Termin wird, der unbedingt eingehalten werden muss, koste es was es wolle. Weil man gewohnt ist, dass immer etwas weh tut, dass die Muskeln unter Spannung stehen und man sich zu weich fühlt, wenn der Sport mal ausfällt. Weil die Gelüste immer unterdrückt werden, immer der Griff nach dem Gesünderen, statt nach dem, wonach einem eigentlich ist.
Und das alles nur für ein, zwei Kilo?
Wofür?, frage ich mich immer häufiger und stelle fest, dass ich niemals einen Punkt erreichen werde, an dem meine Ansprüche erfüllt sein werden, die ich an mich stelle. Der Körper merkt sich seine Form nicht ein Leben lang. Er verändert sich genau wie wir selbst und alles um uns herum. Stetig reagiert er auf unser Leben, den Stress, den wir haben oder uns selbst machen, die Dinge, die wir in ihn hineinschaufeln, die Fürsorge, die wir ihm schenken, das Verständnis, das wir ihm entgegenbringen.

Wir können unsere Grundform nicht ändern, können uns ewig weiter optimieren, oder uns endlich selbst zum Freund machen.
Wir haben Angst nicht geliebt zu werden, wenn wir nicht so oder so aussehen, Angst uns nicht selbst lieben zu können, weil wir uns doch immer wieder zu sehr mit anderen vergleichen – wollen in ein Ideal hineinpassen, dass nicht berücksichtigt, wie verschieden Menschen doch sind.
Wir stürzen uns in Sport, der unseren Körper formt, verlieren uns darin, unseren Körper als ästhetisches Ausdrucksmittel zu betrachten und bewegen uns nicht um die Bewegung selbst willen. Lebensmittel werden zum Mittel zum Zweck, alles kalkulier-, alles berechenbar, Hauptsache der Körper erhält irgendwann die Form, die uns hoffentlich zufrieden stellen wird.
Dabei ist essen purer Genuss und Bewegung ist Freude – Spaß, Ausgleich, soziales Event, Wohlfühlfaktor. Bewegung ist so viel mehr als nur unser Körper. Wir selbst sind so viel mehr als nur unser Körper.
Bei unseren Freunden und den Menschen, die wir lieben, erkennen wir das. Wir können gar nicht anders, doch bei uns selbst scheint es immer einfacher zu sein, zu kritisieren als uns ganz grundsätzlich anzunehmen.

Wir können unsere Grundform nicht ändern, können uns ewig weiter optimieren, oder uns endlich selbst zum Freund machen.
Die Entscheidung treffen wir – und das – jeden Tag aufs Neue.

3 Kommentare

  1. Mareike Mareike

    Hast das Thema toll auf den Punkt gebracht! Schön zu lesen, konnte mich in einigen Punkten deutlich wieder erkennen. Hat mir sehr gut gefallen und regt auf jeden Fall zum Nachdenken an! Weiter so 🙂

    • Charly Charly

      Freut mich zu hören, dass es dir gefallen hat und du dich in manchen Dingen wiederfinden konntest! 😀
      LG

  2. Laura Laura

    Vielen Dank für diesen Blogbeitrag, der (wie immer) zum Nachdenken anregt. Ich wertschätze meinen Körper und die Meisterleistungen, die ich ihm jeden Tag zumute immer erst dann, wenn er mal nicht so funktioniert, wie ich es gewohnt bin. Daran muss ich unbedingt arbeiten, denn man ist zu selten dankbar dafür, dass man gesund ist und der eigene Körper gefühlt keine Limits kennt. Vielen Dank für diesen Reminder!

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