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Frühlingsgefühle


Ich habe den Himmel vermisst.
Rostrote Ziegeldächer vor dem weiten satten Blau des Himmels. Luftig leichte Wolken, die sich in der Ferne bauschen, über meinem Kopf hängen wie Lampions. Die nackten Bäume werden auch bald wieder ihren Schatten verbreiten, die Menschen werden wieder in Strömen jede freie Rasenfläche besetzen – die blassen Gesichter der Sonne zugewandt wie Abhängige, die Monate lang auf Entzug waren. Das Graue ist der Weite gewichen. Einem Marineblau über mir, das weißer wird, umso weiter man schaut. Selbst die Industriegebäude, die vor den Scheiben der Bahn vorbeiziehen, sehen vor diesem Hintergrund freundlich aus.


Was hat es für eine Bedeutung, dass ich in dieser Großstadt dort bin, wo ich gerade bin? Was hat es überhaupt für eine Bedeutung, dass ich hier bin? Niemand würde es merken, wenn ich irgendwann nicht mehr hier wäre, in dieser Stadt. Blicke streifen sich nur flüchtig, nur ein winziges Zahnrad in einem großen Getriebe. Wie die Soldaten, die gerade fallen, jedes Leben ein Bestandteil dieser großen Zahl an Toten, jedes Leben ein Mensch mit einer Geschichte, mit einer Vergangenheit und einer Zukunft vor dem Ausbruch dieses unnötigen Krieges. Jetzt: verschwendet und verloren, untergegangen in Machtspielchen, die die Menschen nicht interessieren. Auch sie sind Zahnräder in einem Getriebe, ausgeliefert, eingespannt, geboren in eine Rolle, die sie gezwungen sind zu spielen, obwohl alles was sie wollen, das Glücklichsein ist.

Gedankengewirr.
Emotionen wie Blutblasen im Innern, kurz vor dem Zerplatzen, sie schmerzen und warten auf die befreiende Erlösung. Wut, die sich im Magen ballt, ich kenne ihre Herkunft und ihre Richtung nicht, sie ist einfach da. Sonne, die die Haut und die Seele wärmt, sie dringt vor bis in den letzten Winkel und dennoch erreicht sie mich nicht. Kälte, die sich heimisch anfühlt, ihre kühle Hand an meiner Wange. Die Ruhe ist verschwunden, so still und leise, wie sie sich ausgebreitet hat. Sieh dich an, flüster` ich mir zu.
Ich sehe mich an, aus der schmierigen Scheibe blicken mich meine eigenen Augen an. Das Dunkle ist fort, dachte ich, doch an diesen Tagen sehe ich es wieder in meinem Blick.

Viel zu früh aufgewacht, aber lächelnd. Der letzte Abend läuft im Halbschlaf in der Innenseite meiner Lider wie ein schöner Film ab – du hier, hier bei mir, ich bei dir, wir beieinander. So pur, so echt, so ganz und gar. Die Körper verschlungen, verknotet in dem Versuch kein Quäntchen Luft mehr zwischen uns Platz zu lassen, die Gedanken wie eingefroren durch die Wärme und Nähe, die uns verbindet. Die Zeit zerrinnt, läuft uns davon, sie flieht vor uns, ohne, dass wir es merken und vielleicht wollen wir das ja auch gar nicht. Du erzählst so viel, manches sinnvoll und tief, anderes Unsinn, nur Quatsch, der in deinen Kopf schießt, Quatsch, den du teilst, weil wir so etwas eben teilen, weil wir uns wohlfühlen, deshalb.
Ich sehe dich nur an, leicht von unten, deine Augen sind ins Leere gerichtet oder geschlossen – ab und an ruhen sie auf mir. Ich sehe dich nur still an und höre dir zu und höre doch nur diese leise Stimme tief in mir, die flüstert – ich liebe dich. Und ich spüre es mit jeder Faser, ganz besonders in diesem Moment – hier bei dir und du bei mir und wir beieinander.


Die erste Hitze, Sommerschwaden, die sich durch die Bahnwaggons ziehen. Menschen jeden Alters, die ihre dunklen Winterklamotten gegen Bunte getauscht haben. Die Sonne wärmt nicht nur unsere Haut, auch unsere Seelen. Das Helle zieht wieder in unsere Köpfe ein, das Dunkle lassen wir hinter uns in einer anderen Zeit. Wie im Rausch verstreichen die Tage, wie euphorisiert lebe ich zwischen Schönwetteraktivitäten und freiwilligen Verpflichtungen. Rastlose Frühlingswochen, Menschen, die uneingeschränkt ihre Uneingeschränktheit nutzen. Gruppen an Menschen, die sich wieder in engen Räumen drängeln, Fußwege und Gänge voll mit ihnen. Freude bei ihrem Anblick, und gleichzeitiges Besinnen darauf, dass Umstellung immer Kraft kostet, dass es okay ist, wenn es sich zu viel anfühlt.
Von Abstand halten zu Normalverhalten, von allein zuhaus´ zu -es ist zu voll- ich will hier raus. Genuss und Ungeduld zugleich, sommerliche Rastlosigkeit, die müde und aufgeregt macht. Ruhe, die sich nur schwer einstellen will, schlagendes Herz, rennender Geist.
Und trotz dieses Umstellungsprozesses das Spüren eines euphorisierenden Genusses.

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