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Ich kann nicht hassen.

Ich kann dich nicht hassen, obwohl es dann leichter wär. Da ist einiges zerbrochen und trotzdem kann ich dich nicht hassen, obwohl es dann viel leichter wär. Weil dann all das Warme einfach in Hass ertrinken würde, runtersinken auf den Grund, bedeckt mit tausend Tonnen kaltem Wasser. Und ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Weiß nicht, was diese Wunde schließen kann, die immer wieder aufreißt in so stillen Momenten, in so lauten Momenten, wo alles und nichts okay erscheint. Weiß nicht, ob es Wut und Enttäuschung in mir ist, Trauer und Schmerz, die mit der Liebe und Wehmut, mit dem Bedauern und der Sehnsucht kämpfen oder andersherum. Ich kann dich nicht hassen, obwohl es dann leichter wär. Ich könnte dich nie hassen, obwohl es dann leichter wär. Ich lieb dich. Ich weiß nicht warum, weiß nicht wieso, wo ich doch immer noch Schmerz spüre und da diese Wunde ist, dieser Riss im Vertrauen, den ich selbst bei andern Menschen spüre, die mir nahekommen wollen. Da sind jetzt Skepsis, Misstrauen, Vorsicht. Du kannst bleiben, aber nicht zu nah. Abstand halten, geh nicht, aber komm nicht näher.
Ich lieb dich und ich weiß nicht warum, weiß nicht, wieso ich so fühle, wieso meine Gedanken manchmal noch um dich kreisen und die Erinnerungen mich quälen. Wieso mir unsere Ruhe fehlt und das Lachen, unsere Witze und dieses Band zwischen uns, dieses Verstehen und verstanden werden auf einer Basis, die ich nicht in Worte fassen kann. Nichts das greifbar, nichts das beschreibbar wäre, nur fühlbar. So als würden unsere Herzen im selben Takt schlagen, als würden unsere Seelen aus dem gleichen Stoff gemacht sein.
Und dann denk ich manchmal, ich würd dich gern hassen, weil es dann so viel leichter wär. Dann würd ich mich nicht fragen, was es ist, das da zerbrochen in mir ist. Ich verstehe die Welt nicht mehr, mein Bild von so viel und trotzdem so wenig verschiebt sich gerade und ich weiß nicht, wieso du dabei so eine Rolle spielst. Wieso es die Liebe ist, die mich immer wieder zum Nachdenken bringt, wieso ich keine Antworten auf meine Fragen finde, wieso mein Herz nicht Ruhe gibt.  
Ich lieb dich, obwohl ich dich manchmal gern hassen würde, weil es dann so viel leichter wär.
Weißt du noch, dieser Moment, als du meintest, wie ich wohl mit 40 wär, wenn ich mit meinen Freundinnen über meinen Mann läster?
Weißt du noch, wie verschmitzt deine Augen geblitzt haben, wie deine Stimme diesen speziellen Unterton bekommen hat, den sie immer kriegt, wenn du rumalberst? Weißt du noch, wie ich meinte, wer denn sagt, dass ich mit 40 überhaupt einen Mann haben würde? Weißt du noch, wie schockiert du warst und wie du gefragt hast, ob ich uns gerade ein Ablaufdatum gegeben habe? Ich weiß noch, wie überrascht ich war, dass du dir vorstellen konntest, so lang bei mir zu sein.
Ich hatte uns keins gegeben. Wollte ich nie. Ich wollte kämpfen, bis zum Ende. Habe gekämpft, bis zum Ende. Wollte da sein, aber Freiraum lassen, wo ist der Grat? Habe alles getan, von dem ich dachte, es wär richtig. Habe gefühlt, so viel. Wollte glauben, bis zum Schluss. Habe eingesteckt, für dich. Wollte stark sein, für dich. Weil immer du es warst, der es sein musste. Hatte Hoffnung, jede einzelne Sekunde. Habe geglaubt, an dich. Habe vertraut, es versucht, immer wieder, selbst, wenn alles keinen Sinn für mich machte, weil ich so wenig wusste. Habe geliebt, jeden einzelnen Moment, selbst dann, wenn all die Liebe so weit weg erschien.

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