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„Ja, freilich.“

Roadtrip – Tag eins & zwei – 07.09. , 08.09.2020

Wir betreten das kleine gelbe Haus, das an den Hang gebaut wurde und so aussieht, als hätte es sich an die gewundene Straße angepasst und nicht andersherum. Im Vorgarten blühen gelbe Blumen und Rosen ranken sich an der Fassade entlang, es sieht heimelig aus. Im Flur schlägt uns sofort der Geruch nach altem feuchten Holz und etwas Undefinierbarem entgegen, Etwas, das oft in den Häusern alter Menschen in der Luft hängt. Als wir über die Türschwelle treten und ins Innere des Hauses gehen, fühlt es sich so an, als wären wir in einer anderen Welt. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Auch in diesem Dorf, das eigentlich eine Stadt ist und das schon deutlicher länger (!) als Berlin, wie Isis Onkel Rudi immer wieder betont, scheint es mir, als wäre die Zeit eingefroren. Kristel betritt in gebückter Haltung und einer geblümten lila Schürze über ihrer Strickweste die Küche, die voller Uhren und Bildern der Thüringer Umgebung ist. Auf dem Tisch liegt eine dieser Plastikdecken mit geblümten Muster, die auch meine Oma früher immer auf dem Küchentisch hatte, wenn ich zu Besuch war. Einfach abzuwischen sind die. Rudi erzählt uns von seiner Heimat. Er spricht von den umliegenden Ortschaften, als wären es seine Arme und Beine, als würden diese Dinge schon seit er lebt zu ihm gehören und so ist es ja auch. Rudi und Kristel sind Geschwister und hier geboren. Sie leben bis heute in diesem Ort, in diesem Haus, das bereits 500 Jahre alt ist und der Familie gehört. Als die Uhr zur vollen Stunde schlägt, tönt ein Kuckucksgeräusch zu uns hinüber. Rudi gießt mir von dem frischen Kräutertee ein, dessen Kräuter die beiden das ganze Jahr über selbst zusammensammeln. Ich frage, was denn alles drin sei und sie beginnen aufzuzählen. „Hagebutten“, sagt Rudi. „Hagebutten kann man auskochen und dann ist das wie Zitrone, viel Vitamin C. Und man kann die mehrmals, so drei bis vier Mal auskochen.“ Wir nicken. Wir nicken oft, denn Rudi weiß eine ganze Menge über Kräuter und Pflanzen und den Wald, der hinter dem Haus am Hang wächst und dessen Besitzer die beiden sind. Später machen Rudi, Isi und ich eine Wanderung durch diesen Wald, hinauf zu einem Aussichtspunkt. Ein schmaler Trampelpfad führt den Berg hinauf zwischen den Bäumen entlang, Wurzeln kreuzen unsern Weg und der Boden ist ganz weich durch die vielen Tannennadeln, die ihn bedecken. Rudi hält immer wieder an und zeigt uns die kahlen Stellen in seinem Wald. Borkenkäfer sind die Schädlinge, die hier alles zerfressen, doch eine Ausrottung wäre zu teuer, würde den Aufwand nicht lohnen. Er erzählt viel über den Wald und sein früheres Leben, er schwelgt in Erinnerungen. Für 80 Jahre ist er erstaunlich fit, läuft vorneweg und berichtet von Feldern und Wiesen, die früher einmal rechts und links des Weges lagen. Erzählt von einem Erdbeerfeld, auf dem er als Junge immer Erdbeeren geklaut und vor dem Hund des Besitzers davongelaufen ist. „Die Russen“, beginnt er, als wir am Aussichtspunkt sind und auf die Stadt niederschauen. „Die Russen haben damals dort drüben in der Schule geschlafen. Sie haben sie abgefackelt und immer wenn wir im Wald unterwegs waren, haben wir am Geruch ihrer Zigarren erkannt, dass sie in der Nähe sind.“ Rudi weiß einiges über die Russen, über die Grenze, die genau hinter der Stadt auf dem Kamm eines Berges verlief und die Sperrzone, die den ganzen Wald darunter mit einschloss und in der die Hirsche manchmal die aufgestellten Meldefallen ausgelöst haben. Er erzählt eifrig und voller Elan, so als würden diese Bilder wie ein bunter Film vor seinen Augen ablaufen. Wir lernen viel über Schiefer und die verschiedenen Arten, wie er abgebaut wird und wofür er verwendet wurde. Immer wieder kommt er auf einige Nachbarorte zurück, zeigt uns wie wir am nächsten Tag fahren müssen, obwohl wir doch ein Navi haben. Im Auto läuft Blasmusik. Rudi trägt ein kurzärmeliges kariertes Hemd und hat weiße Haare, er ist sehr fit für sein Alter, erklimmt Hänge mit uns und führt uns durch Wald und über Felder, auf denen gelbe und lila Blumen blühen. Er sagt uns all die Namen, doch erinnern kann ich mich nicht mehr so recht. Ich staune, dass er all das so gut noch kennt, all die Orte und Straßen und dass er so selbstsicher das Auto um die Kurven lenkt mit lockeren 100 km/h. Er schmunzelt, wenn er merkt, dass wir uns lieber aufs Navi verlassen, unserer Orientierung nicht ganz so vertrauen wie er. Na klar, denke ich, na klar, wären wir sicherlich sehr oft aufgeschmissen ohne die Technik, ohne die er nun mal super klarkommt. Aber andererseits, wer würde sich nicht bis in die kleinste Ecke seiner Heimat auskennen, wenn er 80 Jahre dort wohnt? Ein bisschen kommt es mir auch so vor, als würde er uns umherfahren und Geschichten erzählen, Orte zeigen, die früher anders waren, weil er unheimlich stolz auf seine Heimat ist. Weil er uns etwas mitgeben will von dieser Liebe zu seiner Stadt, seinem Wald, seinem Thüringen. Er verurteilt nicht, dass wir all die Pflanzen nicht kennen, dass unsere Orientierung nicht so gut ist und wir die „Stadtkinder“ in seinen Augen sind. Er erklärt uns einfach vieles ganz wachsam, antwortet auf unsere Fragen, pflückt die Samen einer Brennnessel und hält uns sie hin zum Essen. „Da sind alle Nährstoffe drin, die man braucht, in Suppen mach ich sie oft mit rein“, sagt er. Zum Abendbrot gibt es Wurst und Butter mit Brot und Bratwurst. Rotwurst, Knacker, Leberwurst. Isi und ich tauschen einen Blick. Wo ist das Grüne? In der einen Ecke der Küche steht noch ein ganz alter Ofen von früher, auf dem geblümten Couchteil, auf dem ich sitze, häufen sich viele selbst gehäkelte Kissen und im Flur an der Wand oben hängen dutzende Rehgeweihe. Die Flure sind dunkel, Fliesen und Betonboden, es riecht nach altem Holz. Wie eine andere Welt, ihre Welt. Kristel mich zum dritten Mal, ob ich wirklich keinen Kaffee mehr möchte, obwohl ich die ganze Zeit nur Tee trinke, schließlich bin ich noch nie an den Genuss von Kaffee herangekommen. Ich lehne ab und grinse in mich hinein. Ihre dürren, mit Adern überzogenen Hände umfassen die Kaffeekanne. Unglaublich, was die beiden in ihrem Alter noch schaffen. „Willst du noch was, Kleener?“, fragt sie ihren kleinen Bruder Rudi. „Freilich“, gibt er zurück und sie schenkt ein. Die Zeit steht still und trotzdem sieht man wie sie rennt.

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