Zum Inhalt springen

Mensch ist Mensch

Wieso meiden wir manche Menschen? Weil sie nicht so sind wie wir?
Ich bin nun schon mehrmals auf dem Weg von meinem Elternhaus nach Potsdam oder andersherum in der Bahn einem Mann begegnet, der nichts weiter trug als eine Hose und eine zerrissene Jacke über den Schultern. Letzte Woche als ich wieder im selben Waggon saß wie er, standen neben mir zwei DB- Sicherheitsbeauftragte. Als eine Frau zu ihnen kam und fragte, wieso dieser Mann mitfahren dürfte, antworteten sie, dass sie ihn bereits kennen und er öfter diese Strecke fahren würde. Einfach um sich aufzuwärmen, nehme ich an. Bei dem Kommentar der Frau habe ich mich tatsächlich gefragt, wie man auf so etwas kommen kann. Es ist zwischenzeitlich arschkalt draußen, dieser Mann hat keine warme Jacke wie sie und vielleicht nicht mal ein zuhause und sie denkt nur darüber nach, wieso er in dieser Bahn sitzen darf? Mit Sicherheit hat er keinen Fahrschein und kein Fahrziel und ja natürlich ist es nicht so angenehm in seiner Nähe wegen dem Geruch und allem, aber trotzdem ist das noch kein Grund ihn draußen in der Kälte stehen zu lassen.

Ich denke, wahrscheinlich jeder fühlt sich im ersten Moment vielleicht etwas unwohl, wenn man so einen ungewöhnlichen Fahrgast hat, weil diese Menschen, meines Erachtens, immer etwas unberechenbar wirken.
Und ich frage mich jedes Mal, ob ich auch so wäre, wenn ich mich in dieser Situation befinden würde. Ob ich auch ruhig auf meinem Sitz sitzen würde, obwohl ich mitbekomme, wie mich alle meiden. Wie sie mir musternde Blicke zuwerfen, um dann einen Waggon weiter zu gehen. Wie sie über mich reden und die Nase rümpfen.
Ich glaube in dieser Situation würde ich alle Menschen um mich herum für ihre Kleidung beneiden, ich würde mir einen Pullover und einen Tee wünschen und vielleicht würde ich sogar einen kleinen Groll gegen diese Menschen hegen, die nichts tun, als zuzusehen.
Als ich heute schon wieder in dem Waggon saß, in dem der Mann in einer Ecke kauerte, den Körper dicht zusammengezogen, um auch das kleinste bisschen Körperwärme am Flüchten zu hindern, da stieg in mir einfach das Bedürfnis herauf, ihm zu helfen. Irgendwie.
Einfach nur einer der Menschen zu sein, die auf ihn zu- und nicht weggehen.
Ich saß mit dem Rücken zu ihm und mein Herz klopfte wie wild in meiner Brust, weil ich so etwas vorher noch nie gemacht hatte. Keine Ahnung, warum ich so aufgeregt war, schließlich ist er ein Mensch wie jeder andere. Aber ich glaube gerade das ist das Problem: Manchmal nehmen wir diese Personen gar nicht mehr als Unseresgleichen wahr. Und ich erwische mich dabei, dass ich mich immer wieder frage, wie man so abrutschen kann… Schließlich hat Deutschland doch ein so gutes Auffangsystem. Arbeitslosengeld, Hartz Vier und all die gesetzlichen Versicherungen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie man bei so viel Sozialhilfe ohne Geld und Klamotten im Winter mitten in der Bahn endet. Aber das ändert nichts daran, dass es ihm nun mal passiert ist, warum auch immer. Ich kenne diesen Mann nicht, ich kenne seine Geschichte und seine Erlebnisse nicht. Ich weiß nicht, wer er ist und woher er kommt und wie schwer es ihm das Leben bis jetzt gemacht hat. Also wieso sollte ich ihn nur wegen seinem Auftreten verurteilen?
Es ist schwer keine Vorurteile zu haben, ich glaube jeder von uns hat automatisch bei dem ersten Eindruck eines Menschen ein Bild von diesem im Kopf. Doch wir können versuchen dagegen zuarbeiten und uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass wir diese Person und ihre Lebensumstände nur wirklich kennen, wenn wir sie danach fragen.
Auf jeden Fall saß ich heute in dieser Bahn und mir schossen all diese Gedanken durch den Kopf und ich haderte mit mir. Mache ich es jetzt oder nicht?
Ich hatte eine Trainingstasche mit Klamotten mit, die ich mit zu meinen Eltern nehmen wollte. Nachdem ich bestimmt fünfzehn Minuten dort saß und hin und her überlegt habe, griff ich in die Tasche und zog ein blaues Sportshirt heraus, das jeder aus meinem Jahrgang beim Velothon in Berlin bekommen hatte, als wir dort um Geld für unseren Abiball zu sammeln, ausgeholfen hatten. Ich ging damit zu dem Mann, der zusammengesunken war und die Augen geschlossen hatte. Ich sagte „Tschuldigung“ und streckte ihm das Shirt entgegen. Es war irgendwie ein komischer Moment, weil ich merkte, wie mich alle anderen Menschen in der Bahn, die einen Waggon weiter saßen, anstarrten. Der Mann sah zu mir auf und bemerkte das Kleidungsstück in meiner Hand. Ich dachte von Anfang an, er würde es dankend annehmen. Ich dachte, er würde es mir geradezu aus der Hand reißen, einfach weil ihm mit Sicherheit so kalt sein muss. Aber er lehnte dankend ab. Ich fragte ihn, ob er sich sicher sei, aber wieder verneinte er und dankte mir nochmal. Also drehte ich mich wieder um und steckte das Shirt weg. Ich weiß nicht, warum er abgelehnt hat, vielleicht mochte er die Farbe nicht ^^

Das nächste Mal wird es mir auf jeden Fall leichter fallen, jemandem etwas zu schenken, dass er vielleicht mehr braucht als ich. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die viel sozialer sind als ich und die solche Situationen jeden Tag erleben und jeden Tag Menschen helfen. Und dafür habe ich größten Respekt, weil es von Selbstlosigkeit zeugt. Von Stärke und so viel Menschlichkeit.
Ich persönlich muss mich oft zusammenreißen jemanden, der auf der Straße lebt nicht in eine Schublade zu stecken. Zu denken, dass es seine eigene Schuld ist in diesem System so weit abzurutschen. Aber ich arbeite daran und der heutige Tag hat mir bewiesen, dass es so viel leichter ist, sich von Menschen abzuwenden und über sie zu urteilen, aber dass das Zugehen auf Menschen so viel mehr Potenzial besitzt, aus dem Nebeneinanderher- ein Miteinanderleben zu machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.