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mein Schatten

Ich spüre Traurigkeit in mir. Eine Kraft, die in meinem Innern schlummert und meine Stimmung drückt, obwohl doch eigentlich alles gut ist. Eine Kraft, die sich an mein Herz saugt und in einigen Momenten alles Positive verschluckt, obwohl doch eigentlich alles gut ist. Dann fühl ich mich so kraftlos, so ausgelaugt und müde, obwohl doch eigentlich alles gut ist.
Es fühlt sich merkwürdig an, so als wäre ich nicht ich, nur ein Schatten meiner selbst und ich versuche dagegen anzukämpfen, versuche so zu sein, wie ich es eigentlich von mir kenne, versuche zu lächeln, wie ich es eigentlich von mir kenne, doch irgendetwas drückt mich im Innern nieder.
Und in Momenten, in denen ich allein bin, in denen niemand da ist, für den ich lächeln kann, spüre ich wieder diese Traurigkeit in mir. Dann frage ich mich, was eigentlich mit mir los ist, was denn eigentlich passiert ist, dass es jetzt so ist. Und es fühlt sich an, als würde ich gegen einen unsichtbaren Feind kämpfen, als würde ich gegen mich selbst in den Ring steigen, gegen diese Kraft in mir, die zeitweise alle Energie und alles Strahlende aus mir raussaugt, eben so als wäre dann nur noch ein Schatten von mir hier. Es fällt mir schwerer als früher fremde Menschen anzulächeln, es fällt mir schwerer über Leichtes zu plaudern und die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, wie sie kommen und gehen und ich frage mich oft, was passiert ist, dass ich an diesen Punkt gelangt bin, denn eigentlich war ich doch schon mal weiter. Ich habe Rückschritte gemacht, mich nicht Vor- sondern Zurück entwickelt und ich weiß nicht mehr, wie es geht, dieses nach-vorne-gehen. Manchmal fühlt sich alles so schwer an, obwohl es doch eigentlich so leicht ist. Manchmal weiß ich nicht mehr, wie ich reden, was ich fühlen, wie ich denken soll. Und dann kommen wieder die Zweifel, die ich doch schon lange im Zaum gehalten, die Zweifel, die ich schon so gut kleingekriegt hatte. Seit einer Weile fühlt es sich so an, als würden sie wieder größer werden, als würden sie wieder mehr Raum in mir beanspruchen.

Doch immer dann wenn ich mit euch zusammen bin, meiner kleinen zweiten Familie, immer wenn ich in euren Armen liege und die Tränen fließen, wenn ich offen und ehrlich sprechen und meine Ängste teilen kann, dann fühle ich mich nicht mehr allein, dann geht es wieder besser. Dann fühl ich mich ein klein bisschen mehr verstanden. Ihr besiegt die Traurigkeit in mir für eine ganze Weile, ihr gebt mir Kraft und Energie, schenkt mir ein bisschen der Positivität zurück, die ich auf meinem Weg irgendwie verloren habe, die mir aus der Tasche gerutscht ist und irgendwo liegt, wo ich sie suche, aber nicht finden kann. Ihr fangt mich auf. Und wenn ich dann wieder allein bin, wünsche ich mir Menschen um mich, Stimmen und Lachen, die mich ablenken, denn wenn ich wieder allein in meinem Zimmer sitze, kommen die Gedanken zurück, statten mir Besuche ab, die mich Antrieb und Energie kosten und dann fühlt es sich gar nicht mehr so an, als hätte ich mich schon gefunden, sondern eher so, als würde ich mich immer und immer wieder verlieren.
Als wäre jetzt oft nur noch ein Schatten da.
Ich spüre Traurigkeit in mir. Dunkel und tief, Melancholie, die mich einnimmt und nicht wie sonst nach gewisser Zeit verschwindet und von Sonne und Licht überdeckt wird, sondern jetzt irgendwie die ganze Zeit da ist, tief in mir, im Hintergrund, sich heraus traut, wenn niemand da ist, der sie verscheuchen und mit einem Lächeln vertreiben kann.
Und immer wieder, immer wieder frage ich mich, was das ist, das da falsch in mir ist. Was das ist, das mich so verändert hat. Was das ist, das ich versuche zu bekämpfen, aber irgendwie nicht kleinkriege und immer wieder in den Vordergrund rutscht. Immer wieder spüre ich diese Traurigkeit in mir und immer wieder frage ich mich, woher das eigentlich kommt.

4 Kommentare

  1. Kai Kai

    Hey Charly,

    Ich möchte hier mal ein Loblied auf den Zweifel singen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass man ihn nicht verdrängen, sondern sogar suchen muss. Schon Sokrates sagte: „ich weiß, dass ich nichts weiß“, also warum haben wir Angst davor unser Leben infrage zu stellen? Ist es die Angst davor einen Leben geführt zu haben, welchen uns selbst verfehlt? Wenn ja, dann sollten wir dem Zweifel eher dankbar sein, denn er zeigt uns, was wir wirklich wollen, was uns wirklich wichtig ist. Verdränge ich aber diesen Zweifel, zum Beispiel dadurch, dass ich mein Leben an Aufgaben, Religion, Freunde etc. bewerte, dann wird mich dieses Gespenst des Zweifels auflauern, bis es irgendwann mich anspringt und mir in voller Härte zeigt, wie mein Leben war. Jeder muss sich diesen Zweifel immer und immerl wieder stellen. Du musst dich selbst immer gegenüber dir selbst verantworten und dieses Verhältnis, also das Verhältnis zu dir selbst musst du stetig neu verhandeln, da du dich ja auch stetig weiterentwickelst. Wenn du nein zum Zweifel sagst, sagst du somit auch nein zu jeglicher ehrlicher Reflektion.

    Ich habe den Text zumindest so gelesen, als ob du diesen dunklen Zweifel auslöschen möchtest und du vor ihm fliehst. Vielleicht ist fliehen aber nicht möglich? Vielleicht ist dieser Zweifel ja berechtigt. Diese Fragen bleiben offen und sie schreien nach einer Antwort, aber kannst du sie beantworten?

    LG Kai

    • Charly Charly

      Hey Kai,
      Danke für deinen interessanten Kommentar. Ich verstehe voll was du meinst und gebe dir auch recht, es ist wichtig sich stetig zu hinterfragen und zu reflektieren und sich auch zu fragen, was man eigentlich wirklich vom Leben möchte. Schließlich verändert sich jeder Mensch dauerhaft und mit ihm auch seine Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen. Allerdings meinte ich in dem Text weniger solche grundlegenden „Zweifel“, im Sinne von ob das Leben, das man lebt wirklich das ist, was man sich wünscht, sondern eher kleinere Zweifel, die eher destruktiv als konstruktiv sind, weil sie dich nicht weiterbringen, sondern eher unbegründet sind und verunsichern.
      Allerdings finde ich sehr spannend, was du aus diesem Text herausgelesen hast und gehe sehr konform mit Sokrates.
      Ich freue mich weiterhin von dir zu hören! 😀

      Liebe Grüße
      Charly

  2. Kai Kai

    Ob es zwischen diesen beiden Zweifeln wirklich einen Unterschied gibt, wage ich zu bezweifeln. Viele deiner Texte beschreiben nur was und wenn darüber reflektiert wird, kommen immer die gleichen sprachlichen Muster. Z.B. Beschwichtigungen wie „es ist ok“ lassen sich oft lesen. Klar, es ist ok, alles ist irgendwie ok. Aber (vom reinen Lesen) habe ich den Eindruck, dass dieser Satz dazu führt, dass die Reflektion an dieser Stelle aufhört. Es kommt oft ein Julia Engelmann Vibe durch: Klingt schön, aber am Ende doch verflacht. Die Texte lesen sich immer mehr wie ein Loblied auf das eigene Leben und immer wenn diese „kleinen“ Zweifel kommen, werden diese sofort abgestriffen.

    Naja, ist auch nur ein Leseeindruck, also muss man das ganze wahrscheinlich auch nicht zu ernst nehmen.

    LG Kai

  3. Sieglinde Macgregor Sieglinde Macgregor

    Hallo Charly, im Rahmen meiner Recherche zum Thema ‚mein Schatten‘ kam ich auf deinen Text hier. Dein Text gefällt mir sehr gut und entspricht total meiner gegenwärtigen Stimmung, meinen eigenen Empfinden. Ich filme und ich bin gerade beim überlegen, ob ich deinen Text zum Film verwenden könnte – vielleicht können wir darüber reden? Herzlich Gruß aus Tirol von Sieglinde

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