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schwarzsehen oder weiß

Ich dachte, es wär vorbei. – Willkommen zurück, alter Freund.
Zwischen schlaflosen Nächten treibe ich träge in wenigen Stunden annähernder Helligkeit dahin. Mein Rücken schmerzt, mein Kopf brummt, alles tut weh, selbst das Denken. Ich spüre mich kaum. Erwachsen sein, dachte ich, würde Sachen einfacher machen. Erwachsen sein und ausziehen, auf eigenen Beinen stehen, dachte ich, würde das sein, was ich brauche. Doch Erwachsen sein oder so zu tun als ob, ist genauso kompliziert, wie es nicht zu sein. Sachen werden nicht einfacher, sondern komplizierter. Das Einzige, das einfacher wird, ist, dass ich selbst entscheiden kann, ob ich abends noch Cornflakes essen will oder Eis. Der Rest bleibt gleich oder ergibt noch weniger Sinn als zuvor.
Mein Gleichgewicht ist wieder fort, einfach untergegangen im Alltag, hab´s eine Sekunde aus den Augen gelassen, da hat es kehrt gemacht. Abhandengekommen ist es mir, dabei verlege ich doch so selten etwas. Nur das Wichtige, das Wichtige vergesse ich dann doch mal irgendwo, aber erinnern an welche Stelle des Geschirrspülers ich die letzte Schüssel gestellt habe, tue ich mich dann.
Freundschaften scheinen sich lose in meinem Leben zu bewegen, ich habe zu viel Angst etwas festzuhalten, doch loslassen möchte ich es auch nicht. Ich habe Angst schon wieder zu viel zu sein. Zu viel. Bevor ich das bin, bin ich lieber gar nichts.
Nicht da.
Ein Sinn erscheint mir so weit weg, ich selbst genauso sehr. Das Einzige, das nah ist, sind die Stimmen in mir, die nun laut werden können. Gespenster mit grausigen Fratzen und Klauen, Schattengeister aus einer anderen Zeit. Sie sind unsterblich, glaube ich, zumindest kenne ich nichts, das sie menschlich werden lässt. Stress ist das Gift, das sie zum Leben erweckt, ist das Blut, das durch ihre Adern fließt. Zähle eins und eins zusammen und du erhältst zwei. Stimmt das? Oder werden Dinge manchmal auch weniger, wenn man sie zusammenbringt?
Tiefe Trauer um nichts und niemanden, Unlust für alles und jeden, Kraftlosigkeit gepaart mit Schlaflosigkeit. Bewegung ist das Einzige, das mich die Zeit für einen kurzen Moment vergessen lässt, ansonsten höre ich sie ständig ticken.
Ich denke kaum an die Zukunft und wenn doch, dann ist ja eh alles ungewiss oder viel zu schnell vorbei. Pläne schmieden bringt doch nichts, wenn dir dein Feuer fehlt. Erwachsen werden, klang immer so leicht, so lockend, so frei. Cornflakes essen zum Abendbrot und Eis so viel ich will.
Kind sein, klingt wie ein Traum, den ich träum´ zwischen schlafloser Zeit in eiskalter Winterluft.
Willkommen zurück, alter Freund. Sei frei.

Bahngeschichten flüstern die sich schließenden Türen mit dem immer gleichen Ton. Ein Soundtrack, der Berlin für mich ist, eine Melodie, so monoton und beruhigend wie ein Einschlaflied. Menschen, die sich drängen -um Platz bemüht- doch trotzdem gierig nach den grünen Sitzen. Kaum öffnet sich die Tür, ein Schritt, dann zwei, schon rennen die Augen durch den Waggon, scannen, finden und nehmen ein. Platz frei, Platz weg.
Ich betrachte mein Gesicht in der Scheibe. Flüchtig, farblos, verloren zwischen Bahnsteigen und Häuserfronten. Ich lächle, ich schaue mich um. Draußen ist es grau, doch in mir ganz bunt. Wieso tragen wir alle Scheuklappen in dieser Stadt? Weil sie zu viel ist, zu laut, zu voll, zu nah? Weil wir nicht hier sind, im Kopf schon beim Ankunftsziel, der Weg nur ein notwendiges Übel, das genommen werden muss? Die Passanten nur die vorbeiziehende Landschaft, ein Mix aus Farben, ein verschwommener Klecks am Rand unseres Sichtfelds? Wir huschen aneinander vorbei, fragen nicht mehr nach Platz, sondern nehmen uns ihn einfach – gequetscht, gedrängelt: zu nah. Masken schirmen uns ab, doch unsere Gesichter sind genauso leer ohne. Fast scheint es, als würden wir nur das Schlechteste von anderen erwarten, fast scheint es, als würde ein Lächeln uns angreifen, aus unserer Anonymität herausreißen, verletzlich zeigen. Ich stehe und sehe mich um. Betrachte mein Gesicht in der mich spiegelnden Scheibe. Draußen ist es grau, doch in mir ist es bunt. Mir ist schlecht vor Leichtigkeit, schlecht vor Zuversicht, flau im Magen vom Mut. Ich fühle mich, als könne ich alles schaffen. Die Musik trommelt den Beat meines Herzens, beflügelt meine Schritte als die Türen sich öffnen. Der immer gleiche Ton, der Soundtrack Berlins, der den Automatismus begleitet. In meiner Brust sitzt etwas Flatterndes, ein Vogel, der mit den Flügeln schlägt. Ich fühle mich genau richtig hier, jetzt gerade. Fühle mich verbunden mit der Welt. Fühle mich leicht und frei und stark.

Wir können noch so viele Fehler machen, noch so viel kaputt gehen lassen, wir können uns verlieren und nicht mehr finden, wir können loslassen und krampfhaft festhalten, Schmerz ertragen, Schmerz erleiden, der uns in die Knie zwingt und glauben lässt, niemals wieder gehen zu können.
Wir können schwarzsehen oder weiß, wir können streiten und schreien, weinen und brechen, lachen und lächeln, singen und tanzen, können jubeln und feiern. Wir können Sinn sehen, ihn vergeblich suchen oder finden. Wir können noch so sehr am Leiden sein, noch so sehr das Leben ehren, am Ende fügen sich all die kleinen Steinchen. Rund und eckig, spitz und klein, jede Träne und jedes Lachen wie zu einem bunten Mosaik vereint.

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