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unsere kleine Welt

Wir laufen im Dunkeln durch die Straßen unseres Bezirks, die Hände in den Taschen, den Blick nach vorne oder auf den Boden gerichtet, nicht auf den jeweils anderen. Schneematsch knirscht und schmatzt unter unseren Schuhen, unser Atem bildet weiche Wolken in der kalten Luft. Er erzählt von der Wut über einen Fehler in seinem Projekt, an dem er gerade arbeitet und das doch fast fertig ist. Fast fertig und nun – das. Wir laufen in die Dunkelheit hinein, nur die flimmernden Kreise aus Licht der Laternen und die viereckigen Augen der Häuser begleiten uns. Es ist ruhig nachts in den Straßen unseres Bezirks. Wir reden über uns als Kinder, über Sport und Schmerz, über das Gefühl, wenn die eiskalten Gliedmaßen im warmen Wasser der Badewanne wieder auftauen. Über dieses Prickeln und Jucken der Haut, über diesen leisen Schmerz, den er nicht mag und der mich aber irgendwie fasziniert. „Du bist schon irgendwie schmerzgeil, oder?“, fragt er und lacht dabei ein bisschen. Ich zucke mit den Schultern. „Naja, es ist schön, wenn der Schmerz nachlässt. Fühlt sich irgendwie gut an, lebendig halt.“ Wir spazieren unter einem kleinen Tunnel hindurch, biegen auf eine Straße, die sich in eine große Siedlung voller Einfamilienhäuser öffnet. Ein breiter Streifen Wiese trennt die Straße von den Gartenzäunen. Alles ist mit den weißen, fast schon grauen Flecken des Schnees bedeckt, ein so vertrauter und doch so fremder Anblick hier in Berlin. Irgendwie kommen wir wieder auf ein Thema von einem früheren Spaziergang zurück, als er meinte, er hätte gerne zwei Leben. Eins für Sport und eins für Informatik. Jeweils eins für eine seiner Leidenschaften, weil er das Gefühl hat, nicht genug Zeit für beide gleichzeitig zu haben, nicht das volle Potenzial auszuschöpfen. Ich verstehe das, verstehe das nur zu gut, erkläre ihm, dass es mir mit dem Schreiben und Sport so geht. Dass es schwierig ist, all das im Alltag unter einen Hut zu kriegen, Uni, Arbeit, Sport und Schreiben und dann auch noch leben – ja- leben wollen wir ja auch noch. Einfach auch mal gammeln, einfach auch mal auskatern und mit Freunden die Nächte durchmachen. Einfach mal wieder spontan sein, etwas Leichtsinniges, etwas Unüberlegtes tun, einfach mal wieder wegfahren, nur für einen Tag, nur mal kurz hoch an die Ostsee und im Meer baden und am Strand spazieren und wieder zurück. Nur mal wieder etwas, das uns das Leben spüren lässt, keine Eintönigkeit, sondern Spontanität, so als würde man spüren, wie die Wärme mit einem schmerzvollen Prickeln in die Fingerspitzen zurückkehrt. Eben so, als würden die eingeschlafenen Gliedmaßen des Körpers langsam wieder aufwachen aus ihrem tauben Schlaf. So als wären wir jung. So jung wie wir doch eigentlich sind. In diesem Moment denke ich daran, wie wenig Inspiration ich zurzeit finde. Wie eintönig die Tage doch sind, wie wenig ich sehe, von Berlin, von Menschen, von der Welt. Wie die Vernunft meine Tage zu dominieren scheint und wie ich den Geschmack von Planlosigkeit, Leichtsinn und Erlebnissen vermisse. Wie mir die Worte fehlen, selbst für mein Innerstes, selbst für all die Gefühle, die da in mir sind. Da ist nur oft so etwas wie Gleichgültigkeit, wie Monotonie. Ich denke an Momente im Sommer zurück, an Gespräche auf meinem Balkon über Freundschaft und diese innere Leere, die wir alle versuchen zu stopfen, diese ewige Suche, auf der man sich anscheinend befindet. Denke an unzählige Sonnenuntergänge, an Bahnfahrten mit Musik auf den Ohren, in Gedanken ganz weit weg und an zufällige Begegnungen, Gespräche, Blicke, die so unwichtig erscheinen und es dann doch nicht sind. Ich erinnere mich daran, so viel Inspiration in mir gespürt zu haben, so viele Wörter und Sätze, so viel, dass Tiefe und Lebensdauer besaß, so viel Kraft. Und jetzt? Nichts. Als wäre mein Kopf leer, weil es einfach keinen Input gibt, der etwas auslösen könnte.

Auf dem Wiesenstreifen neben der Straße türmen sich mehrere Schneehaufen auf, die bereits angetaut und zu einer eisigen Masse mutiert sind, doch selbst jetzt noch lässt sich die Schönheit dieser Schneetiere erahnen, die Kinderhände vor einem Tag in die kalte Masse geformt haben. Ich nehme das steinerne Auge des Schneepferdes heraus und drücke es an die richtige Stelle. Wir bewundern die Präzision, mit der die Figuren geformt wurden, fühlen das nasse Eis unter unseren Fingern. Dann ziehen wir weiter, suchen unseren Weg auf der Straße zwischen Pfützen und Schneebrocken und hüllen uns wieder in das weißliche Licht der Laternen. Kind müsste man sein, denke ich manchmal, wenn mir das Leben im Allgemeinen über den Kopf zu wachsen scheint. Wenn ich mit mir selbst und mit all den schönen Dingen wie Liebe, Freundschaft, Familie und dem Leben an sich mal wieder überfordert bin. Kind müsste man sein. Im Auto auf der Rückbank sitzen, sanft in den Schlaf gewogen werden mit den Stimmen der Eltern und dem stetigen Rauschen der Autobahn im Hintergrund, Verantwortung und Kontrolle abgeben, einfach nur mal sein.
Stattdessen stelle ich mir immer wieder Fragen, dessen Antworten mir niemand geben kann, laufe mit offenen Armen und Augen und Ohren durchs Leben, nehme alles mit was geht, was sich gut anfühlt, was echt ist und hoffe, dass ich selbst immer und immer wieder die Leidenschaft der Bequemlichkeit vorziehen werde. Denn was sicher ist, währt lange, doch was Leidenschaft ist, schafft Erinnerungen und sind diese nicht genau das, was am wertvollsten ist?

Wir gelangen an das Ende unserer Runde, statten dem Supermarkt einen Besuch ab, bevor wir wieder getrennte Wege gehen, in der stillen Gewissheit an anderen Abenden wieder neue Wege zu erkunden, den Bezirk zu erforschen, als wäre er die Welt, die ich so gern sehen würde. Und selbst hier, selbst hier zwischen den Reihen aus Wohnblöcken und Einfamilienhäusern, zwischen den Straßen und Parks finden wir immer wieder Neues, immer wieder etwas, das unsere Neugier befriedigt, meine Lust auf Neues und diesen gierigen Erkundungsdrang stillt, der in mir brodelt. Selbst hier in unserem Bezirk, unserer eigenen kleinen Welt.

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