Zum Inhalt springen

wie aufwachen und einschlafen

Wenn ich jetzt wieder nach Hause fahre, aus der Bahn steige und die Straßen hinunterlaufe, die ich schon mein ganzes Leben lang kenne, dann fühlt es sich nicht mehr wie Stehenbleiben und Aufgeben, wie Zurückkommen und Steckenbleiben, sondern wie heimkommen an. Wie ein Besuch in der Heimat, wandeln zwischen Straßen und Bäumen, deren Ecken und Kanten ich so gut kenne und die sich mehr als vertraut anfühlen. Zurückkommen zu dem Haus, das vor zwei Monaten noch mein zuhause war und das es immer bleiben wird. In den Garten, in dem ich schon als kleines Kind im Sand gebuddelt und auf dem Rasen Fußball gespielt und vor dem Feuer gesessen habe. In das Zimmer, an dessen Wände ich fast 20 Jahre lang geschaut habe und dessen Inneres nun nur noch entfernt an mich erinnert. Veränderung. Meine Eltern wirken glücklich, erschöpft irgendwie, aber so als würden sie zuhause nun nicht mehr Mama und Papa, sondern nur noch Mann und Frau sein. Und auch ich scheine sie anders wahrzunehmen, es fühlt sich nicht mehr an als wäre ich das Kind, als hätte ich die Beine unter ihrem Tisch, sondern unter meinem eigenen und als wären sie trotzdem immer da, wenn etwas ist. Ich sehe in ihnen nicht mehr nur meine Eltern, sondern die Menschen, die sie sind, jeder für sich. Merke wie jung sie wirken, wie die Jahre, die langsam Spuren hinterlassen, ihnen nichts anhaben können, weil sie etwas Jugendliches, Unverbrauchtes ausstrahlen, so als hätten sie die Jugend in ihrem Innern konserviert.
Es fühlt sich an, als wäre ich zuhause, wenn sie um mich sind. Menschen, die mich teilweise besser kennen als ich mich selbst, die mich lieben und es mich spüren lassen. Menschen, von denen ich Teile in mir trage und die Ähnlichkeiten und Eigenschaften mit mir teilen, Menschen, die meine schönsten und schlechtesten Seiten kennen. Es fühlt sich so an wie immer, wenn ich nach Hause komme und trotzdem ganz anders. Ich schlafe in einem anderen Raum, habe einen Rucksack mit Kleidung bei mir, scheine die Stunden, die ich dort bin ganz anders wahrzunehmen, ganz anders zu spüren, zu genießen. Als würde ich all die Wärme, das Vertraute und Normale in mich aufsaugen und abspeichern für Tage, die kälter sind als sonst und an denen sie nun nicht mehr um mich sind. Ich fühl mich gut. Fühl mich so gut wie lange nicht mehr, fühl mich stark und sicher in dem, was ich tue und sage und trotzdem auch ausgelaugt. Erschöpft irgendwie, ausgebrannt, als wenn all der Tatendrang, der mich immer wieder wellenartig packt nach kurzer Zeit wieder verbraucht ist. Es sind zwei Monate vergangen, ungefähr 60 Tage, und trotzdem ist so unglaublich viel passiert, es fühlt sich so viel länger an, als es eigentlich ist und es kommt noch so viel mehr, da ist noch so viel mehr, das mich erwartet, das mich herausfordert, das mich wachsen lässt. So viel mehr, das unglaublich gut werden kann.  
Manchmal weiß ich nicht wohin mit mir, mit all den Ideen und Plänen in meinem Kopf und meinem Herzen. All meinen Träumen und Zielen und Dingen, die ich noch tun will. All den Leidenschaften, für die ich brenne und die mir so viel geben. Dann fühlt es sich so an, als würde die Zeit nicht reichen, als wären 24 h nicht genug, um all das zu tun, das ich tun muss und tun möchte und tun sollte. Ich denke jetzt schon eine Weile darüber nach, was ich anderen gebe, dass sie mich in ihrem Leben möchten. Ich wusste schon immer, dass sich Freundschaften verändern, dass man sich auseinanderleben, anders miteinander umgehen kann als früher, dass sich zwei Menschen in verschiedene Richtungen weiterentwickeln und das was sie einmal zusammengehalten hat, nicht mehr da sein kann. Ich wusste schon immer, dass Beziehungen zerbrechen, dass man Menschen aus seinem Leben verlieren kann, die einem eigentlich wirklich wichtig sind. Aber ich wusste nicht, dass mich das alles so sehr beschäftigen, so tief treffen würde. Ich habe das Glück, noch nie wirklich jemanden verloren zu haben, alle Menschen, die mir etwas bedeuten sind schon immer da gewesen, irgendwo an meiner Seite, in Reichweite. Und ich wusste nicht, dass es so schwer für mich werden würde, loszulassen.
Ich denke darüber nach, was es ist, dass ich anderen Menschen gebe, dass sie mich in ihrem Leben möchten. Ich denke darüber nach, was wäre, wenn ich jetzt sterben würde. Wer zu meiner Beerdigung kommen würde und wer nicht. Von wem ich es nicht gedacht hätte und von wem ich es erwarten würde, der dann gar nicht da wäre. Wem ich wichtiger bin, als ich eigentlich vielleicht denke und warum. Ich denke darüber nach, dass es nur das Ende des eigenen Lebens ist, diese Limitierung unserer Zeit und die damit einhergehende Vergänglichkeit, die dem ganzen eine Bedeutung gibt. Vielleicht keinen Sinn, nur Sinnlosigkeit und Fragen, aber Bedeutung. Denn alles was wir tun, alles was wir erleben, alles was wir sind, sind wir letztendlich nur einmal. Bei jeder Wiederholung ist es vielleicht ähnlich, aber nie gleich, nie genau so wie bei dem Mal davor. Jede Stunde ist einzigartig, jeder Tag vergänglich, begrenzt durch die untergehende Sonne und die hereinbrechende Nacht. Ein Kreislauf, der nicht endet, so wie unser eigenes Leben. Ein Rhythmus, der auch nach uns andauern, der noch da sein wird, wenn wir es nicht mehr sind.
Das Leben fühlt sich gerade manchmal wie ein Ausdauerlauf an, bei dem ich irgendein Ziel erreichen muss, um dann endlich durchatmen, nach Luft schnappen zu können, die mir nach drei Metern wieder fehlt. Es fühlt sich an wie Aufwachen und Einschlafen zugleich, wie kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt zu bekommen, so als würde da nichts in mir zusammenwachsen, weil nie etwas zerbrochen ist, als wäre nur eine Menge durcheinandergewirbelt worden, das ich versuche mit zittrigen Fingern zu ordnen. Ich fühle mich gut, stark und sicher in dem was ich tue und sage und trotzdem auch ausgelaugt. Es gibt so viel um mich und in mir, dass für mich immer noch keinen Sinn ergibt. So viel, auf das ich keine Antwort habe und wenn, dann ändert sich am nächsten Tag die Frage wieder. So viel, dass ich fühle, aber nicht einordnen, nicht in Worte packen kann, selbst dann, wenn meine Finger über die Tastatur fliegen. Immer wieder erkenne ich diese Sinnlosigkeit in Allem, diese Bedeutungslosigkeit, die das Leben hätte, würde der Tod nicht die Vergänglichkeit unserer Stunden bedeuten. Und ich glaube, das ist das Leben. Das Arrangieren mit dieser Sinnlosigkeit, das Definieren des eigenen Sinns, weil es nichts gibt, das man finden könnte.
Und ich suche nach etwas, das ich nicht finde. Bin ungeduldig mit dem Leben, mit mir selbst, war ich schon immer. Spüre Unruhe und Tatendrang in mir, Sehnsucht nach Ruhe, die ich mir selbst nehme und nach Menschen, die für mich und für die ich Bedeutung habe. Ich suche meinen Sinn, suche das, was mir mehr gibt, als alles was ich je zuvor gemacht habe, frage mich, ob ich im Innern längst weiß, was es ist und mir nur der Mut fehlt, es einfach zu denken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.