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Durchwurschteln

Es klingelt. Ich hebe den Kopf aus meinem Kissen und krabble mühsam aus dem Bett. Wie schön sind doch diese paar Minuten im Bett, den Kopf ins Kissen vergraben, die Augen geschlossen, alles ruhig, nur ich und mein Atem, nur ich und meine Gedanken. Ein Nickerchen könnte man sagen, meditativ könnte man sagen.
Ich drücke auf die Gegensprechanlage, aber schon wieder scheint sie nicht richtig zu funktionieren. Dann eben gleich der Türöffner. Wenige Sekunden später fallen wir uns in die Arme, vertraut, geborgen. Wenn sie die Wohnung betritt, scheint alles gleich ein wenig heller, ein wenig wärmer zu sein. Ich freu mich, sie zu sehen. Sie geht voran in mein Zimmer als wäre es selbstverständlich, als würde sie hier wohnen, obwohl sie erst ein paar Mal hier war. Ich liebe das. Liebe es, wenn meine Freunde sich vom ersten Moment an wohl fühlen und sich so unbefangen bewegen, als wären sie hier zuhause. Als ich ins Zimmer trete, liegt sie mit dem Gesicht nach unten auf der Matratze, alle Gliedmaßen von sich gestreckt. Ich schmeiße mich daneben und lege mich halb auf sie rauf. Sie ist die erste Freundin, mit der ich solche Berührungen austausche, bei der ich auch körperliche Nähe suche, bei der es sich ganz normal anfühlt.
Wir quatschen, Wörter fließen aus uns heraus als hätten wir uns Jahre nicht gesehen, dabei ist es gar nicht so lange her. Es ist so natürlich, so unverkrampft, so vertraut. Ich genieße es, dass sie da ist, genieße, dass sie fragt, ob wir wirklich lernen oder nicht lieber spazieren, irgendwie rausgehen, irgendwas machen wollen. Ich stimme zu. Klar, will ich das.
Nach unserer Kochsession, nach Gesprächen über Liebe und Männer, alte Wunden, Unsicherheiten und tiefe Ängste, die wieder hochkommen, noch nicht ganz verheilt sind, schlüpfen wir in unsere Jacken und flüchten nach draußen an die frische Luft, die schon so warm und mit Frühling erfüllt ist. Vor einer Woche waren wir noch rodeln, sind mit den Schlitten und diesen bunten Poporutschern den Berg hinuntergerauscht, haben Menschen mit Snowboards und Skiern gesehen und Leggins unter den Jeans getragen. Verrückt, wie der Frühling plötzlich so präsent und breit und laut im Türrahmen steht, ohne angeklopft zu haben.

„Oh krass, das wirkt hier alles so… So wie eine andere Welt irgendwie.“, platzt es aus ihr heraus, als wir die große Kreuzung der Hauptstraße und den Bahnhof hinter uns gelassen und auf einen Weg zwischen Trabrennbahn, Einfamilienhäusern und kleinen Baumgruppen gebogen sind. Ein lang gezogener Hügel trennt die Trabrennbahn und den Wiesenstreifen vor den Gartenzäunen der Häuser voneinander. Familien gehen hier spazieren, Paare, Freunde, Kinder. Jung und alt und alles wirkt so sorglos.
Pferde traben auf der großen Fläche zu unserer Rechten, der Geruch nach Bauernhof und Landleben liegt in der Luft. Ich liebe es hier, vor ein paar Minuten waren wir noch umgeben von Autos und Lärm, Stress und Unruhe und jetzt befinden wir uns in einer ganz anderen Welt.
„Ja echt so, oder? Ich mag das auch total. Vor allem als so viel Schnee lag, war hier am Wochenende immer die Hölle los. Der Hügel war nicht mehr weiß, sondern schwarz, weil die Kinder wir die Irren gerodelt sind und die Erwachsenen mit Kaffeetassen in den Händen zugeguckt haben.“
Jetzt, nur eine Woche später, werden Picknickdecken auf der Wiese ausgebreitet, die Beine ausgetreckt, das Gesicht in die Sonne gehalten. Wie ruhig, wie langsam es sich hier doch jedes Mal anfühlt.
Wir schauen uns die Häuser an, diskutieren, ob eine weiße Fassade zu eintönig, zu langweilig ist und reden über die Zukunft und das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben.
„Klar sind wir noch unfassbar jung, doch manchmal hab ich dieses Gefühl in mir, nicht genug Zeit zu haben. In meinem Kopf geht es irgendwie nur bis zu meinen Dreißigern. Danach hört es irgendwie auf, so als wäre das Leben vorbei. Aber das stimmt ja gar nicht.“
Ich lache und sie grinst mich an.
„Ja, ich glaube das ist ein Vorurteil, dass dann alles schlimmer wird, ich glaube, es ist einfach nur anders. Mir geht es so, dass ich einfach studieren will. So lange wie möglich, ich möchte nicht arbeiten, nicht jetzt, nicht so.“
Ich nicke.
„Ja, ich weiß, was du meinst. Studieren ist unfassbar anstrengend manchmal, aber auch unfassbar schön. Ich glaube immer noch, dass diese Jahre die besten sind, irgendwie. Auf ihre Art.“
Wir schweigen kurz, dann kommt mir ein Gedanke in den Sinn, der mich die letzten Wochen beschäftigte.
„Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass alle anderen um mich herum alles viel souveräner nehmen. Viel belastbarer, viel sicherer sind, klarer irgendwie. Als würden sie ihren Scheiß im Griff haben, sozusagen. Aber ich glaube, das ist gar nicht so. Eigentlich wurschteln wir uns doch alle nur so durchs Leben. Irgendwie. Wissen nicht wie, finden es aber Stück für Stück raus und haben alle für uns selbst das Gefühl, dass alle anderen es besser machen, obwohl das nur in unserm Kopf so aussieht.“
Der in Sonne getauchte Sandweg schlängelt sich in den daran anschließenden Park hinein. Wir werden von Bäumen und Büschen verschluckt, weichen Pfützen und Matsch aus, den letzten Resten der Schneewochen.
„Ja, ich habe gar nichts im Griff, gefühlt.“, lacht sie und ich muss automatisch lächeln. Dieses Lachen: ich kann es nicht beschreiben, aber es gehört einfach zu ihr, ist einfach ansteckend, einfach schön.
„Durchwurschteln.“, fährt sie fort. „Das gefällt mir, ich glaube, wir alle wurschteln uns irgendwie durch. Ich fühle mich auch nicht wirklich erwachsen, manchmal stehe ich in meiner Wohnung und denke mir: Wohnst du wirklich alleine? Ist das hier wirklich Deins? Führst du echt einen eigenen Haushalt? Und dass, obwohl ich schon seit zwei Jahren nicht mehr zuhause wohne, trotzdem fühlt es sich manchmal noch surreal an. Und das Studium? – Das ist auch ein einziges Durchwurschteln. Ich glaube, jedem geht es so. Und ich glaube das ist okay.“
Ich lache in mich hinein, als ich höre, wie es ihr mit dem Alleinleben geht. Genau so habe ich erst gestern gefühlt.
„Du hast recht. Ich habe auch erst letztens daran gedacht, dass ich mich absolut nicht erwachsen fühle. Ich bin wieder darauf gekommen, wie gerne ich nach dem Studium oder irgendwann mal einen Van besitzen und damit einfach irgendwohin fahren würde. Matratze und Kissen und Lichterketten hinten rein, Gaskocher und Campingstühle eingepackt und los geht’s. Spontan, einfach so, ohne was zu buchen, ohne Plan, einfach treiben lassen, flexibel sein und in der Natur schlafen. Das Leben spüren auf seine raue, authentische, unbefleckte Art und Weise. Einfach nah dran sein. An allem. Und gleichzeitig dachte ich so, theoretisch könnte ich mir ja nen Auto kaufen, wenn ich Geld hätte, theoretisch würde es ja gehen, aber wie geht das? Wo fängt man da an? Wie spart man daraufhin, wenn man kaum etwas für Urlaube zurücklegen kann? Ich fühl mich für sowas nicht erwachsen genug, und ja – wahrscheinlich ist es dieses Durchwurschteln durchs Leben, das uns alle verbindet. Wär ja auch langweilig sonst, oder? Ich will gar keinen Plan haben, will gar nicht wissen, wo ich bin in zehn Jahren. Ich will noch so viel machen, so viel erleben, aber muss ich dafür erwachsen sein?“
Ich halte inne nach diesem Monolog und auch sie schweigt kurz. Wir hüpfen über Pfützen und biegen auf eine große Lichtung zwischen dichten Baumreihen. Menschen mit ihren Hunden kommen uns entgegen, Kinderlachen ist irgendwo zwischen den Stämmen zu hören. Alles wirkt noch wie im Schlaf, eingefroren und jetzt aufgetaut. Wie das Augenaufschlagen nach einem tiefen Schlaf. Es ist so warm, dass ich schwitze, mein Kopf fühlt sich dick und schwer an, mein Körper hat Mühe mit diesem Umschwung so schnell mitzukommen. Vor gut sieben Tagen standen hier noch haufenweise Schneemänner, wie eine stumme Armee bewachten sie die Wiese, die schwarzen Steinaugen auf jeden Passanten gerichtet.
„Ich glaube nicht. Dafür musst du nicht erwachsen sein. Und ich denke, dass jeder nur sein Bestes gibt. Dem einen gelingt es besser als dem anderen, aber am Ende lebt jeder nur irgendwie – Durchwurschteln.“
Sie wirft mir einen Blick zu und streift ihre Kapuze über den Dutt auf ihrem Kopf, weil es im Schatten der Bäume doch noch kühl ist.
„Ich mag diesen Ausdruck.“
„Ich auch.“, stimme ich zu und wir lächeln uns an.

Ein Kommentar

  1. Cucurbita Cucurbita

    Frage mich manchmal, ob sich 50 jährige, erfolgreiche Anwälte oder Ärzte auch manchmal ’nicht erwachsen‘ fühlen

    Wie gewohnt stark geschrieben

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