ausgebrannt

Wir sind erschöpft. Ausgelaugt, müde, aber ständig wach.
Angespannt, selbst, wenn wir entspannen können.
So viel fehlt: Nähe, Soziales, Unbeschwertheit, Leichtigkeit, Pläne und Träume, Zukunft, Präsenz, Unvernunft und rebellische Momente, Sonne, lange Tage, Wärme, Motivation, Leidenschaft, Struktur und Produktivität, Freude, Euphorie, Überschwang und – Liebe.
Wir sind erschöpft. Ausgelaugt, müde, aber ständig wach.
Abrufbar, erreichbar, verfügbar. Hier. Nicht weg.
Wir können nicht mehr, sind leer und ausgebrannt, aber machen dennoch weiter. Alles verschwimmt, nichts ist mehr getrennt, alles ist eins.
Ein großes Knäuel aus Erwartungen und Leistungsdruck erschwert uns das Atmen. Wir schließen die Augen, sehen weg. Es geht ja allen so.
Machen weiter.
Wir freuen uns nicht mehr auf zuhause, sind zu wenig weg, um es wirklich zu vermissen. Wir haben nichts zu erzählen, weil wir nichts erleben. Wir versinken, treiben dahin, spüren Leere und Resignation.
Wir sind alleine. Sehnen uns nach Menschen und wollen trotzdem allein sein, können nicht einordnen, wieso wir so fühlen, wieso wir so wenig Lust auf alles und jeden haben. Eintönigkeit und Struktur können Retter oder Folterknechte sein. Der schützende Airbag oder die infizierte Wunde, die uns schwächt.
Wir suchen Abwechslung, suchen nach Motivation und Zeitvergessen, nach Wegkommen und Leichtigkeit. Wollen schlafen, aber tun kein Auge zu, starren an die weiße Decke im dunklen Zimmer, folgen den wandernden Lichtstreifen der vorbeifahrenden Autos an den Wänden, denken zu viel, aber – irgendwie auch gar nichts. Machen weiter, aber bleiben stehen.
Wir haben keine Bilder mehr, die wir einrahmen können, keine Erinnerungen, gemeinsamen Momente, die es wert sind, an unsern Wänden zu hängen. Wir merken nicht, wie wir immer weiter ausbrennen, uns immer wieder selbst an den Haaren herausziehen, um weiterzumachen, um funktionieren zu können, bis:
es nicht mehr geht.

Wir sind erschöpft. Ausgelaugt, müde, aber ständig wach. Angespannt, selbst, wenn wir entspannen können. Es fehlt so viel.
Luxus?
Klar, aber so leben wir. Probleme werden nicht kleiner, verschwinden nicht, nur weil andere Größere haben. Es hilft, um zu relativieren, durchzuatmen, gelassen zu sein, zu denken: es wird mich nicht umbringen, es wird schon vorbeigehen.
Dennoch:
Es geht nicht immer nur weiter und weiter, irgendwann ist die Grenze überschritten, irgendwann ist selbst der eigene Arschtritt zu viel.
Irgendwann braucht es einfach nur Liebe. Veränderung, auch wenn sie nur klein ist. Ein freundliches Wort. Tränen. Ehrliche Worte. Wärme und Geborgenheit. Akzeptanz. Liebe Menschen und Gelassenheit.
Druck rausnehmen, alles mal sein lassen.
Einfach mal weg sein, obwohl wir hier sind. Denn es geht nicht ewig so weiter. Jeder hat eine Grenze. Höher oder tiefer, dicker oder dünner. Der eine wächst unter Druck, der andere macht sich selbst schon genug.

Ich bin ein Druckmensch. War ich schon immer. Möchte meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden. Gut sein, keine Fehler machen, obwohl man ja aus diesen lernt. Nicht hinfallen, weitergehen. Immer weitergehen. Progression, statt Stagnation.
Ich spüre Druck.
So oft spüre ich Druck, an manchen Tagen spüre ich ihn sogar meine Brust zuschnüren, wie er schwer auf mir und meinen Atemzügen lastet. Ich spüre Frust in mir. Und Wut. Ärger. Genervtheit. Habe zu lange, zu oft einfach weitergemacht. War zu lange, zu oft vernünftig, pflichtbewusst, diszipliniert.
Ein Arschtritt zu viel.
In kleinen Momenten ist alles zu viel, plötzlich. Dann lastet ein riesiges Gewicht auf meiner Brust, meine Kehle schnürt sich zu und ich könnte einfach nur heulen. Einfach so. Einfach nur, um alles rauszuspülen, was da in mir ist. Ich bin impulsiv, fahre zu schnell aus der Haut, spüre alle Emotionen so nah und echt und tief. So unglaublich intensiv.
Mein Kopf ist nicht frei. Er ist voll. Vollgestopft mit Vielem, das mich nicht in Ruhe lässt. Und gleichzeitig fühlt er sich unfassbar leer an.
Ich fühl mich taub manchmal, irgendwie stumpf. Als wenn alles eingeschlafen, nicht richtig da ist. Alles fühlt sich gleich an, monoton. Trist. Ich renne meinen eigenen Ansprüchen hinterher und hole sie nie ein.
Ich sprinte, springe, ich falle und laufe weiter.
Aber nie ist es genug. Nie scheint es zu reichen.

So fühlt es sich an.

Druckmensch. War ich schon immer. Gegeißelt vom eigenen Ehrgeiz, der Fluch und Segen zugleich ist.
Wir sind erschöpft. Ausgelaugt, müde, aber ständig wach. Angespannt, selbst, wenn wir entspannen können. Es fehlt so viel.
„Wie geht es dir?“
Eine Floskel, eine Illusion, der klägliche Versuch unserer Gesellschaft Nähe, echte Nähe zu schaffen.
„Gut.“, antworte ich. So wie jeder, weil sich niemand traut.
Niemand schwach sein, die eigenen Probleme nach außen dringen lassen will. Es ist hart, sich einzugestehen, dass es nicht mehr geht.
Dass es zu viel ist. Zu akzeptieren, dass eben nicht alles gut ist.
Niemand will so wirken, als könne er nicht mehr mithalten, als würde er abgehängt werden, langsamer werden als all seine Mitläufer.
Niemand will langsamer sein.
Denn es geht weiter. Muss es ja. Wenn nicht so – wie sonst?
Aber ich? Bin immer noch hier, aber erstmal –
ne Weile weg.

(4) Kommentare

  1. Cucurbita sagt:

    Sehr gut geschrieben und schwer zu lesen

    1. Charly sagt:

      Musste ne weile drüber nachdenken, um zu verstehen wie du das meinst, aber ich verstehe, was du damit sagen willst 😉
      Danke für deinen Kommentar!

  2. Lara sagt:

    Habe bis jetzt noch nichts gelesen, was die Gedanken und Gefühle in der aktuellen Situation so treffend beschreibt wie dieser Text. Unglaublich gut geschrieben!

    1. Charly sagt:

      Hey Lara 🙂
      Danke dir für deinen Kommentar! Freut mich wirklich sehr, dass du dich in den Worten wiederfinden konntest!
      Ich hoffe, es hilft etwas..
      LG
      Charly

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