Zum Inhalt springen

Lückenlächeln

„Wie heißt du?“, fragte er mich und zog die Maske ein Stück von seinem Gesicht weg, damit ich ihn besser verstehen konnte. Ihm fehlen die vorderen Zähne, doch seine Lippen waren zu einem Grinsen verzogen. „Charly.“, antwortete ich. „Shari?“, fragte er und ich wiederholte es langsamer.
„Und du?“, fragte ich zurück als er verstanden hatte, wie ich heiße. „Lukas.“ Er sagte das und strahlte so eine plötzliche Freude aus. Seine Hände hielten die warme, mit Tee gefüllte Plastikfalsche und neben ihm stand die Tüte mit Süßigkeiten, die ich ihm gebracht hatte. Ich kenne Lukas schon länger, nur wusste ich nie wie er heißt. Es ist schön, dass ich ihn nun beim Namen nennen kann.
Ich habe Lukas schon oft hier in dem Aufgang zum Bahnsteig sitzen sehen, zusammengesunken, den Blick in sich gerichtet, den Kopf gesenkt, um möglichst viel Wärme bei sich zu behalten. Meistens steht ein Kaffeebecher vor ihm auf dem Boden.

Das erste Mal habe ich mit ihm gesprochen, als ich abends von einer Spätschicht von Arbeit kam, ganz hungrig und müde war und ihn mal wieder dort habe sitzen sehen. Zu der Zeit bin ich regelmäßig an ihm vorbeigegangen, immer auf dem Weg zur Arbeit oder von dort zurück. Ich ging ein paar Schritte und blieb dann stehen, kramte in meinem Rucksack und streckte ihm eine Pflaume entgegen, die ich noch dabeihatte.
„Hey. Isst du Pflaumen?“, fragte ich ihn und kam mir bei der Frage auch ein bisschen dämlich vor. Ich wartete, bis er hochschaute, bis er überhaupt realisierte, dass jemand von den Hunderten an Menschen, die sonst schnell an ihm vorbeieilen, stehengeblieben war. Er nuschelte etwas, das ich nicht verstand. Ich fragte mich, ob er vielleicht nicht aus Deutschland kommt, wusste noch nicht, dass seine schlechte Aussprache an den fehlenden Zähnen liegt.
„Willst du die Pflaume?“, fragte ich nochmal und er sah nun das Obst in meiner Hand. Nicht viel, dachte ich, aber das Einzige, das ich noch dabeihatte. Er streckte mir die Hand entgegen und ich ließ sie hineinfallen. Er wirkte benommen, nicht richtig da.

Am nächsten Morgen saß er immer noch vor der Treppe zum Bahnsteig, die Arme vor der Brust verschränkt, eine Kapuze über den Kopf gezogen. Ich fragte ihn, ob die Pflaume geschmeckt habe und er nickte. „Aber es war ganz schön kalt und ich hatte Durst in der Nacht.“ Er nuschelte etwas vor sich her, das ich nicht verstand und ich erinnere mich noch genau, dass ich erst in diesem Moment darüber nachdachte, dass obdachlose Menschen vielleicht sogar schwerer an Wasser als an Essen kommen.
Wie unterschiedlich unsere Welten doch sind, obwohl wir jeden Tag denselben Bahnhof teilen.

Das nächste Mal füllte ich morgens eine leere Pfandflasche mit Leitungswasser aus dem Hahn, das mich ja nichts kostet und hoffte, ihn wieder anzutreffen, doch er war nicht da. Die Flasche gab ich dann einem anderen, der immer vor dem Geschäft, in dem ich arbeite, sitzt, genauso zusammengesunken, genauso in sich gekehrt.
Während des Winters habe ich Lukas sehr oft nicht mehr gesehen, ich weiß nicht, wo er die kalten Nächte verbringt, aber vor wenigen Tagen saß er wieder vor der Treppe. Er war dick eingepackt, sein Gesicht kaum zu erkennen und wieder schaute er nach unten, hatte vielleicht sogar die Augen geschlossen, während Massen an Menschen an ihm vorbeigingen. So als wäre dieser Mensch bereits ein Teil des Bahnhofs, den es nicht zu beachten gelte. Eins geworden mit den grauen Wänden und dem schmutzigen Boden. Es fällt uns leichter wegzusehen, als hinzusehen, drauf zuzugehen.
Ich weiß, dass ich keinesfalls ein Vorbild in sozialer Hilfe bin, dafür habe ich ganz andere Menschen kennengelernt, die sich viel engagierter für Bedürftige einsetzen. Genauso wenig ist es jedem möglich sich in einem hohen Maß für andere einzusetzen, zeitlich und vielleicht auch finanziell und ja -ich weiß- es existiert immer noch die Meinung, dass Menschen in Deutschland doch nicht ohne Dach über dem Kopf sein müssen, dennoch gibt es diese Menschen. Menschen, die genau jetzt Hilfe nötig haben und mit so einer Meinung, solcher Distanz, die man dadurch zu ihnen aufbaut, wird dieses Problem, das wir auch hier in Deutschland haben, nicht verschwinden.
Und manchmal kann ein Blick, ein Lächeln oder ein freundliches Wort bereits Wunder bewirken. Ich frage mich immer wieder: Was kostet mich eine Banane, ein Apfel, ein Brot, das ich noch in der Tasche habe, wenn ich doch ein paar Meter weiter etwas Neues kaufen kann? Was kostet es mich und was tue ich dem anderen damit vielleicht für eine Freude? Oft scheint es nicht unser Unwille zu sein, etwas zu teilen oder abzugeben, sondern die Hemmung, überhaupt auf diesen Menschen zuzugehen.

Ich kam also an diesem Tag die Treppen nach unten und lief wie alle anderen an ihm vorbei – nur ein Seitenblick, dann war er aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich war verschwitzt vom Sportkurs, hatte tierischen Hunger und wollte einfach nur nach Hause. Trotzdem fragte ich mich, wie er nur die Kälte aushalten und auf dem harten eiskalten Boden sitzen könne? Nach ein paar Schritten drehte ich um, entgegen dem Strom aus Menschen und ging auf ihn zu. „Hey.“
Er hob den Kopf. Ich weiß nicht, ob er mich erkannte.
„Isst du Süßigkeiten?“, fragte ich ihn.
„Was? Süß?“ Er runzelte die Stirn. Ich zog meine Maske ein Stück runter, schließlich stand ich eh weit genug von ihm weg.
„Süßigkeiten? Magst du die? Schokolade, Gummibärchen und so.“
„Achsooo, ja Süßigkeiten, klar ess ich die.“ In diesem Moment packte mich eine Energie, eine Kraft, die mich ganz beschwingt werden ließ.
„Ok, cool. Ich habe noch ganz viel zuhause und esse das nicht. Ich geh kurz heim und hol sie dir, ja? Ich bin gleich wieder da.“ Er sah verwirrt aus, stimmte mir dann aber zu. Voller Elan lief ich nach Hause und hatte plötzlich ein Lächeln auf den Lippen.
Gerade jetzt, gerade in dieser Zeit, in der wir uns oft so machtlos und hilflos fühlen, weil wir nichts tun können, als Regeln zu befolgen und abzuwarten, schien mir dieser Moment Etwas zu geben, das ich tief in mir spürte. Es war so schön, so leicht jemandem eine Freude, etwas Gutes tun zu können, etwas abzugeben, das ich nicht brauchte und jemand anderem damit zu helfen.

Als ich die Wohnungstür aufschloss, erwartete mich meine Mitbewohnerin in der Küche. Ich erzählte ihr von meinem Vorhaben und gemeinsam gingen wir die Kiste mit all unserem Süßkram durch, der sich durch Weihnachten und Co. bei uns angesammelt hatte und von dem wir einiges loswerden wollten, um „nicht in Versuchung zu kommen“. Erst vor Kurzem hatte ich in einem Podcast erfahren, dass die Obdachlosenhilfen vor allem auch Süßes gerne annehmen, weil Menschen auf der Straße oft extrem unterzuckert seien. Genau das hatte mich auf die Idee gebracht. Ich stellte Tee an und füllte eine Pfandflasche mit dem heißen Wasser.
Zurück bei Lukas reichte ich ihm zuerst die warme Flasche und öffnete dann die Tüte mit all dem Süßen und einer Mandarine (für die Vitamine ;)) darin. Es schien zu dauern, bis er begriff, dass ich ihm das nun wirklich schenkte.
„Isst du nichts Süßes?“, fragte er mich.
„Doch schon, aber wir haben so viel zuhause durch Weihnachten, da dachte ich, du kannst das besser gebrauchen als ich.“ Ich lächelte und hoffte, er würde es unter der Maske erkennen.
„Dankeschön.“ Sein Lächeln freute mich extrem. Es war so unglaublich ehrlich und dankbar, trotz der Lücken. Wir tauschten unsere Namen aus und danach ging ich nach Hause.

Heute war Lukas wieder da. Er sah mich nicht, bis ich „Hey“ rief und er aufschaute. Er lächelte, schien sich zu freuen mich zu sehen. „Schönes Wetter heute, oder?“ Ich lief die Treppe rückwärts nach oben, weil ich spät dran war und meine Bahn nicht verpassen durfte, doch Lukas schien das nicht zu stören. Er rief mir zu, dass es echt schön sei, doch die Nacht sei wieder kalt gewesen. Er bemerkte, dass ich noch keine Maske trug, weil ich mich noch nicht auf dem Bahnsteig befand und hob eine Tüte mit mehreren medizinischen Masken in die Höhe.
„Hast du keine Maske?“, bot er sie mir an. Ich grinste.
„Doch, aber noch nicht auf!“ Ich winkte ihm, dann verschwand ich die Treppe nach oben. Selbst als die Bahn wenig später einfuhr, ließ mich nicht los, dass selbst er, der kaum etwas besitzt, ganz leicht und breitwillig teilen wollte. Sich revanchieren wollte. Einfach so. Auf meinem Heimweg war er bereits verschwunden und irgendwie – fand ich das fast ein bisschen schade.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.