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unsere Sucht

Springende Tage, fließende Stunden. Ich strauchle durch den Sommer Berlins, sauge jede Sekunde und jeden Sonnenstrahl auf, als wäre es der letzte vor dem drohenden Winter. Wie Schwämme, ausgetrocknet und hungrig, geistern wir durch die Straßen Berlins, besetzen Spätis und Restaurantstühle. Wir brennen wieder von innen heraus, wir taumeln tanzend und lachend durch die Nacht, wir fühlen wieder Schweiß auf unserer Haut und den Schmerz eines langen Lachens in Bauch und Gesicht. Wir spüren Wärme im Herzen und auf dem Kopf, wenn wir unter der heißen Julisonne den Ball übers Netz schlagen, die nackten Füße im rauen Sand, um uns die volle laute heiße Stadt. Wir leben wieder: so fühlt es sich an.
Wir schweben, wir springen von Tag zu Tag, wir fließen durch die Stunden, müssen uns bremsen, um auch mal durchzuatmen, anzuhalten, ruhig zu sein. Wir saugen alles auf, als wäre das unsere Sucht, als wäre das letzte Jahr unser Entzug gewesen, von etwas, das wir Leben nennen. Von Jugend und Leichtsinn, von Spontanität und Freisinn. Von Grenzenlosigkeit und langen Nächten und stickigen U-Bahnen. Ich spüre ein Lächeln im Gesicht, wenn ich auf meinem Balkon sitze und in den Himmel starre. Es ist schön, auch mal einen Abend zuhause zu verbringen. Ruhig zu sein, um diese Ruhe mitzunehmen, wegzustecken, aufzubewahren.
Ich fühle wieder was. Dieses Jahr lässt sich nicht in Worte fassen, diese Monate können nicht beziffert werden und schon jetzt fühlt es sich an, als würde dieses Jahr viel länger andauern als diese sieben von den eigentlich zwölf Monaten. Ich fühle mich größer -irgendwie- und ruhiger.
In mich gekehrt und trotzdem so offen wie nie. Ich spüre, dass mein Blick wieder in die Zukunft geht, dass alles viel präsenter und realer ist, dass meine Augen wieder scharfstellen können und nicht nur, weil sie nun durch eine Brille schauen. Ich atme und fühle alles davon und dieses Gefühl, dieses simple und doch so unglaubliche Gefühl lässt sich wahrlich in keine Worte der Welt fassen, denn diese Worte existieren schier nicht.
Ich fühle mich allein und das auf eine gute Art, denn ich kann mir die beste Gesellschaft sein oder mir welche suchen, je nachdem, wonach mir gerade ist. Ich fühle mich zum ersten Mal nicht allein, wenn ich allein bin, sondern geborgen, weil ich weiß, selbst wenn da nichts mehr ist, bin da immer noch ich. Vertrauen, kann man es nennen, Sicherheit vielleicht auch.
Das Gefühl anzukommen, langsam wie ein an einen Steg andockendes Boot, behutsam, sanft – leichte Wellen, die den Bug umspülen, während das Steuer mit Fingerspitzengefühl in die richtige Richtung gelenkt wird. Und wenn es anlegt, spürt man wieder festen Boden unter den Füßen. Zum ersten Mal fühlt es sich an, als würde ich dem Leben vertrauen, ohne es zu hinterfragen.

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