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aufgewacht

26.12.2019 ein Rückblick

Familie. Eine warme Umarmung, eine neckische Bemerkung, ein Lächeln, ein aufmunternder Schulterklopfer, ein Nicken, das Mut macht. Laute Stimmen, leise Herzen, leise Stimmen und laute Herzen. Harsche Worte und zarte Gesten. Reibung, Diskussion und Versöhnung, einfach so. Immer wieder. Immer so. Extrem verschieden und doch so ähnlich, zu ähnlich in manchen Macken, Eigenheiten. Erinnerungen. Verbindung. Familie ist mein zuhause. Diese drei Menschen sind zuhause. Das Gefühl anzukommen, runterzukommen, das Gefühl, das alles gut wird. Alles gut ist. Ehrlichkeit. Ehrliche Worte, ehrliche Gesten, ehrliche Augen, ehrliche Ruhe, ehrliches Schweigen.
An Weihnachten kommt man zusammen, nimmt sich bewusst Zeit füreinander, legt das Handy ganz weit weg, isst und isst und isst, bis man zusammen auf der Couch liegt und die Nähe genießt. Das Gefühl zuhause zu sein, das Gefühl, das mich diese Menschen besser kennen, als kein anderer. Man nimmt sich bewusst Zeit, lacht zusammen, diskutiert auch mal hitziger, geht auseinander, kommt wieder zusammen. Man spielt und schaut Filme, schweigt und redet, entschleunigt den ganzen Alltag, nimmt das rasende Tempo heraus, mit dem sich manch einer sonst durchs Leben bewegt. Man kocht zusammen, schnippelt nebeneinander, arbeitet Hand in Hand, im Team. Familie.
Und meine Gedanken sind nur hier, nur bei euch, seit einigen Tagen fühlt es sich wie Heilung an. Wie Aufwachen. Wie ich. Wie ich seit langer langer Zeit mal wieder. So als wäre ich weg gewesen, als wäre nur eine halbe Version von mir hier und der restliche Teil nicht da gewesen, der wichtige Teil irgendwo anders, irgendwo früher, im Vergangenem, nicht im Jetzt. Als wäre ich irgendwie mit dem Einbruch der dunklen Jahreszeit in einen tiefen Winterschlaf gefallen. Als hätte mich der Winter Blues erwischt. Zu sehr in meinem Kopf drin, zu sehr gefangen in diesem unendlichen Gedankenstrom, der mich manchmal packt, gefangen in Schmerz, den ich mir immer und immer wieder selbst auferlegt habe, weil ich stur bin. Weil ich Hoffnung habe. Für alles. Weil ich fühle und fühle und nicht aufhören will. Weil es das Schönste ist. Emotionen und Fühlen. Nicht nur die Schönen, nicht nur das Glück, das Lachen, die Aufregung, auch in Trauer und Schmerz und Wut finden wir Schönheit, finden wir Trost, finden wir Kreativität, Ideen und Zusammengehörigkeit.
Es fühlt sich an wie Aufwachen. Langsam, behutsam. Wie Erwachen, so als wäre ich mit Beginn des Winters in diesen tiefen Schlaf gefallen, so wie die Natur. So als hätte ich all meine bunten Blätter verloren, als wäre von mir nichts mehr übrig gewesen, als ein kahles graues Gerippe, mit knochigen Ästen und hohlem Baumstamm. Als wäre alle Energie aus mir gewichen. Als wäre ich weg. Ich habe mich müde gefühlt, so unendlich müde, selbst nach dem Schlafen komplett ausgelaugt, abgespannt. Demotiviert für alles, für die Dinge, die ich gerne tue, selbst für die Dinge, die ich liebe, die mich ausmachen. Und überall war nur Dunkelheit, die ganze Zeit. Keine langen Tage mehr, keine langen Nächte, die zum Tag werden. Keine Sonne mehr, keine Wärme, nur Regen und graue Wolken. „Wo ist meine Charly hin?“, höre ich die Stimme meiner Mom immer noch in meinem Kopf. Ich sehe sie immer noch vor mir, wie sie vor mir sitzt. Ich spüre immer noch dieses Gefühl in mir, das ihre Worte in mir auslösten, höre meine eigenen Gedanken in mir, wie sie sich drehten und drehten und doch nur im Kreis liefen. Kein Ergebnis, keine Lösung fanden. Wie eine kaputte Schallplatte, die immer wieder und wieder dieselbe Stelle eines Liedes abspielt. Die einen Sprung hat, die festhängt, die nicht mehr weiterläuft.

Aufgewacht. Augen aufgeschlagen, Tränen weggewischt, Staub abgeklopft von Knien und Händen, aufgestanden. Aufgewacht. Und mein Blick ist wieder klar, wird immer klarer, von Tag zu Tag. Immer sicherer, immer mehr ich. Draußen ist noch Winter, kahle nackte Bäume, grauer, dunkler Himmel, Nächte, die ewig andauern, kalte Luft und schwarze lange Schatten. Die Natur schläft noch, erstarrt in diesem Zustand, der an den Tod erinnert, der die Bäume so verdorben und abgestorben erscheinen lässt. Und jedes Jahr gibt es diesen Zauber, dieses Wunder, das sich über alles legt und jedem Ast und jeder Wurzel wieder Leben einhaucht. Dieses Wunder, wenn an den Bäumen Knospen sprießen und sich winzige zarte Blüten ihren Weg durch die dicke Erdschicht kämpfen. Wenn der Tag wieder länger und die Nacht wieder kürzer wird. Wenn die Luft erfüllt ist mit einem Duft nach Blüten und Sonne und Frühling. Die Natur schläft noch, tief und fest, aber in mir brechen die ersten Knospen auf, strecken die ersten Grashalme ihre Köpfe ans Sonnenlicht. In mir verziehen sich so langsam die Wolken, geben die Sonne frei. Die Sonne, die immer da ist, aber in den Bann des Winters gezogen wurde, die für kurze Zeit eingenickt ist. „Was ist los mit dir? Irgendwas ist anders.“, sagte er und ich schluckte. Und ich dachte, ich hätte es ganz gut hinbekommen, ganz gut weitergemacht, trotz der Gedanken. Trotz der Dunkelheit, trotz dieses Gefühls Festzustecken, mir den Sommer zurückzuwünschen. Die Sonne, die Wärme, das Licht. Aber ich habe mich weiter gedreht in dem Karussell, weiter und weiter, obwohl ich nicht für eine so lange Fahrt bezahlt hatte und alles andere habe ich einfach ganz weit von mir geschoben, so als wäre es gar nicht da.
Aber vor ihnen kann ich nichts verbergen, konnte ich noch nie. Sie sehen alles. Oder spüren es. Sie kennen mich zu gut. Und das ist schön, weil ich nichts sagen muss, nicht sagen muss, dass es gerade nicht geht. Dass alles gerade irgendwie schwerer ist als sonst, obwohl es doch so leicht ist. Nicht einfordern muss, was ich möchte, was ich brauche, weil sie es einfach sehen, einfach merken. Weil sie mich einfach umarmen, einfach da sind, mir mal einen Arschtritt verpassen und dann weitermachen, als wäre nichts passiert, weil es eben so ist.
Aufgewacht. Ich bin aufgewacht aus meinem Winter Blues, sehe in den kahlen Bäumen keine toten Gerippe mehr, sondern die rohste Form der Natur, die bald vom Zauber des Frühlings gepackt wird.
Die Schwärze erscheint mir nicht mehr so kalt und unnahbar. Und jeden Sonnenstrahlen, der den Himmel erleuchtet, fange ich auf und stecke ihn ein. Versorge durch ihn die Sonne in mir mit Energie und Wärme, bis die Natur um mich herum wieder strahlt.

Ich habe den Schallplattenspieler repariert oder bin zumindest dabei, jeden Tag ein bisschen mehr. Weil das Lied jetzt endlich wieder in voller Länge in meinem Zimmer tönt und ich dazu tanze. Und wenn er mal wieder spinnt, hole ich meinen Werkzeugkoffer raus und repariere ihn wieder, immer und immer wieder. Weil das Lied niemals verstummen darf. Ich tanze so wie ich will, so wie es sich gut anfühlt. So wie es mich glücklich macht. So, als würde mich keiner sehen. Ganz allein, ganz für mich. Und irgendwie auch nicht.

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