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Gebrochenes

Gebrochenes fasziniert mich. Altes, Vergessenes, Verlorenes, Verlassenes fasziniert mich. Eingestaubtes. Weggeworfenes, Kaputtes. Gebrochenes.
Ich liebe die Nostalgie, die es ausstrahlt, die Geschichten, die sich dahinter verbergen, die Geheimnisse, die es verstecken mag.
Ich bin fasziniert von dieser melancholischen Schönheit, die es mit sich bringt, wenn etwas scheinbar Fehlerhaftes, scheinbar Zerbrochenes trotzdem noch einen Platz im Leben hat. Dass es da ist, obwohl es bereits verlassen wurde und dass es nicht weniger schön ist, nur weil es verlassen wurde, nur weil es zerbrach.
Ich suche gerne nach den Spuren, die wir hinterlassen, wenn wir bereits längst weitergezogen sind. Sauge die Atmosphäre auf, die verlassene Orte mit sich bringen, die Nostalgie, die Geschichten, die durch die Luft wabern, stelle mir vor, wie Menschen hier entlanggewandelt sind – dass sie es waren, die dieser Umgebung Leben geschenkt haben und dass sie es waren, die eben dieses mitgenommen haben, als sie gingen.
Ich mag dieses Eindringen in eine andere Welt, dieses Überschreiten der Türschwelle. Ich mag den Staub, der in der Luft hängt, der alles bedeckt, was sich über die Jahre angesammelt hat. Alltägliche Dinge, die den Boden bedecken, ihrer Funktion und Daseinsberechtigung beraubt, weil sie niemand mehr braucht.
Verrostet, zerschlagen, durchlöchert, befleckt.
Wörter, die nicht negativer konnotiert sein könnten und dennoch nur Wörter, die beschreiben. Wir sehen Dinge nie ohne eine Meinung, sehen Dinge nie objektiv, können den Filter, den wir mit uns herumtragen nicht ablegen, niemand kann das. Aber wir können uns distanzieren, können Wörter versuchen wieder Wörter sein zu lassen, ohne das, was mitschwingt, ohne das, was sie nie sein wollten – Negativ.
Verrostet, Zerschlagen, durchlöchert, befleckt.
Dosen, Scherben, Decken, Verpackungen – Müll.
Genau das, was jeder sagen würde, der durch diese Gänge schleicht, genau was jeder denken würde bei all den Grafitis an den Wänden, all den Dingen auf dem Boden, all dem Staub überall. Doch mich erinnern solche Orte nur immer daran, was passiert, wenn wir nicht mehr sind. Wenn Dinge nicht mehr genutzt, wenn die Ordnung nicht mehr Tag für Tag hergestellt, sondern sie den Händen der Zeit überlassen werden.

Menschen verirren sich manchmal noch hierher, streifen durch die leeren Gänge, schauen in dunkle Zimmer und durch zerbrochene Fenster. Hinterlassen wiederum ihre Dinge, Verpackungen, Zigaretten, Grafitidosen. Lassen etwas zurück, um dann zu gehen.
Es liegt ein eigentümlicher Geruch in der Luft, er erinnert mich an den Hausflur meiner Oma, an den Geruch der Vergangenheit und alte Bauwerke. Ein Brand hat hier gewütet, hat den Anbau abgetrennt und ein großes schwarzes Loch in das Hauptgebäude gerissen, wie ein großes gieriges Ungeheuer hat das feuer die Dachpappe zerfressen und einen stechenden Gestank hinterlassen, der immer noch wahrnehmbar ist.
Dinge verschwinden nicht einfach, nur, weil wir Menschen nicht mehr da sind, um ihnen einen Sinn zu geben. Das Gebäude steht immer noch, hat Türen und Fenster, Räume, die leer, aber dennoch angefüllt sind mit all den Geschichten der Vergangenheit und all den Dingen, die andere als Müll bezeichnen würden und dass sie vielleicht ja auch sind. Die Dinge sind dennoch da. Gebrochen und alt, aber dennoch da. Wie ein verwittertes Gerippe, das sich zwischen den frischen grünen Zweigen der im Frühling erwachenden Bäume windet, liegt das Gebäude vor mir, verwundet, verbrannt, aber noch nicht geschlagen. Diese Orte erinnern mich daran, dass unsere Welt sich so schnell verändert, dass unsere Großeltern gerade noch durch eben solche Gebäude gelaufen und Befehle ausgeführt haben und sie jetzt nur noch Ruinen vergangener Zeiten sind. Erinnern mich daran, dass alles brechen kann, das glaubt ganz zu sein. Erinnert mich daran, dass Schönheit kein Zustand ist, sondern im Auge des Betrachters liegt, dass die Natur sich alles zurückholt, was wir glauben zu besitzen.
Es weckt in mir eine Mischung aus Nervenkitzel, Neugier und Achtsamkeit, vielleicht sogar etwas wie Ehrfurcht durch die Flure vergangener Zeiten zu wandeln, mit der Kamera bewaffnet, durch dunkle und zerfallene Räume hindurch. Was die Dinge, die ich besitze, wohl über mich erzählen? Was wohl von uns bleiben wird, wenn kein Mensch mehr auf der Erde wandelt? Wieviel Staub wird sich wohl gelegt haben, bis die Natur zurückschlägt? Was werden die Gebäude und Dinge, die wir hinterlassen wohl für Geheimnisse flüstern?

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